Kommunale Wärmeplanung:
Zwischen Aufbruchsstimmung und Aufschieberitis

Viele Mehrfamilienhäuser, Ansicht von oben.

Was haben die drei Städte Köln, Wörth am Rhein und Plauen gemeinsam? Richtig: Sie alle haben ihre kommunale Wärmeplanung, kurz KWP, fertiggestellt. Damit gehören sie zu den ersten in ihren jeweiligen Kategorien, die sich nach der Einwohnerzahl richten und festlegen, wann die jeweilige KWP vorliegen muss. Während es für Köln bis Ende Juni 2026 Pflicht war, haben es die beiden anderen Städte vorzeitig geschafft – freiwillig und ohne Druck. Soweit die Fakten. Was aber bedeutet es für Hauseigentümer*innen, wenn der Wärmeplan fertig ist? Um diese Frage beantworten zu können, haben wir uns auf den Weg gemacht und uns an drei Orten umgehört.  

Berlin-Neukölln, ein heißer Sommerabend Ende Juni. Unter dem Titel „Wie heizen wir zukünftig in unserer Stadt?“ wird in einem gut temperierten Veranstaltungsraum der frisch verabschiedete Berliner Wärmeplan vorgestellt. Fristgerecht fertiggeworden sei er, das betont Ute Bonde, Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt der Stadt Berlin, gleich mehrfach in ihrem Grußwort. Berlin habe nun einen strategischen Rahmen, um die CO2-Emissionen des Gebäudesektors zu senken. Anschließend präsentiert der Projektleiter die Vorgehensweise bei der Erstellung („iterativ und zyklisch“) und die Ergebnisse: Wärmekarten und ein „Zielszenario“.

Eine Frau steht auf der Bühne und hält einen Vortrag.

Unverbindlich ist der Berliner Wärmeplan, nicht auf Einzelgebäude heruntergebrochen, ohne Verbote oder Vorgaben. Er belässt den Hausbesitzenden ihre Entscheidungsfreiheit bei der Wahl ihrer Heizung. Wie heizen wir zukünftig in unserer Stadt? Auf diese Frage gibt der Wärmeplan keine konkreten Antworten. Die sollen sich die Hauseigentümer*innen nun selbst suchen.

Hauseigentümer*innen auf sich allein gestellt

Und das tun sie auch: Im zweiten Teil der Veranstaltung schwärmen die rund 250 Veranstaltungsbesucher*innen aus an die rundum aufgebauten „Wärmeinseln“ – Infostände der Akteure der Berliner Wärmewende. Der Mieterverein ist vertreten, die Verbraucherzentrale, die neue gegründete Berliner Wärmewendeagentur, der Fernwärmeversorger BEW, mehrere Betreiber von neuen Wärmenetzen, die SHK-Innung, Schornsteinfeger, der Wärmepumpenverband und noch mehr. Am Stand der GASAG erkundigt sich ein Mann nach Alternativen für seine Wohnungseigentümergemeinschaft: „Die Gasthermen bei uns im Haus sind zwischen 2 und 25 Jahren alt. Scheinbar liegt Fernwärme schon in der Straße. Aber kommt nicht auch eine dezentrale Lösung mit Wärmepumpe infrage?“, fragt er. Das mache schließlich unabhängig von einem Wärmenetz-Monopol.

Das Problem: Zuerst müssten die einzelnen Wohnungen so oder so an ein gemeinsames Heizungssystems für das ganze Haus angeschlossen werden. Hier klafft die „Zentralisierungslücke“, für die auch der Wärmeplan keine Lösung parat hat. Entscheidungsfreiheit – das ist nicht nur Freiheit, sondern auch die Notwendigkeit, sich selbst zu kümmern.

Ein älterer Mann beugt sich vor und schaut auf die Weltkarte.

„Vor 2035 kommt keine Fernwärme zu Ihnen.“

Auch zwei ältere Damen haben ihr Haus auf der Wärmekarte entdeckt. Es liegt im „Prüfgebiet - hohe Wärmenetzeignung“. Das bedeutet: Es kommt für ein Wärmenetz infrage, aktuell ist allerdings „noch offen, wann eine mögliche Erschließung erfolgen könnte und wer den Aufbau sowie den Betrieb eines solchen Netzes übernehmen würde“, so die Info aus der Wärmekarte. Darüber diskutieren sie nun mit dem Vertreter von der Fernheizwerk Neukölln AG (FHW), der ihnen offen erklärt: „Vor 2035 kommt keine Fernwärme zu Ihnen.“ Was also tun – abwarten? Für die beiden Damen eigentlich keine Option: „Wir sind über siebzig und bekommen ja schon heute keinen Kredit mehr für die Investition.“ Sie wollen gerne so schnell wie möglich in die Umsetzung starten, statt die Sache nur auszusitzen.  

In den Gesprächen an den Wärmeinseln wird schnell klar: Viele der Anwesenden brauchen gar keine erste Orientierung mehr – sie wollen (jetzt!) konkrete Pläne machen und loslegen. Sie möchten nicht mehr nur orientiert und informiert, sondern zum nächsten Schritt begleitet werden.

Die Menschen sind bereits einen Schritt weiter

Diesen Eindruck untermauern auch die von co2online Anfang 2026 ausgewerteten Umfrageergebnisse. Eine Erkenntnis daraus war, dass sich die meisten der 4.000 Befragten bereits in der Planungsphase befinden und nicht, wie von vielen Akteuren fälschlicherweise angenommen, in der Phase der Informationsanschaffung. Ihnen geht es längst nicht mehr um die Frage, was ein kommunaler Wärmeplan ist, sondern was dieser für sie konkret bedeutet. Die Mehrheit der Befragten möchte zudem in erneuerbare Energiesysteme investieren (siehe Abbildung 1) und vertraut dabei vor allem auf Informationen von wissenschaftlichen Instituten und Verbraucherzentralen.

Infografik: Übersicht der Maßnahmen, in die die co2online-Nutzer*innen in den Jahren 2025 und 2026 investiert haben.

„Neben dem Überblick zu den Kernergebnissen der Wärmeplanung ist die Nachfrage nach konkreten Wärmepumpenlösungen, beispielsweise als Ersatz für Gasetagenheizungen, besonders ausgeprägt“, sagt auch Dr. Patrick Voos. Er leitet das Amt für Klimaschutz und Klimaanpassung der Stadt Darmstadt und hat im März 2026 zusammen mit drei anderen die Wärmeplanung für seine Stadt vorgestellt. Zu dem Termin selbst kamen zwar „nur“ 250 Menschen. Parallel dazu hat die Stadt aber noch fünf stadtteilbezogene Veranstaltungen speziell für Bereiche ohne Aussicht auf Fernwärmeversorgung organisiert und dabei weit über 1.000 Zuhörer*innen erreicht.

Portrait von Dr. Patrick Voos.

„Der Informationsbedarf ist enorm und wächst”, sagt Voos und verrät, was die Menschen in und um Darmstadt wirklich bewegt: Es sind die vielen individuellen Fragen zum eigenen Gebäude. Um sie vom Wissen ins Handeln zu bringen, bietet die Stadt gemeinsam mit dem örtlichen Energieversorger ein kostenfreies Initialberatungsangebot. Interessierte können so die energetischen Schwachpunkte und Einsparpotenziale ihres Gebäudes Schritt für Schritt ermitteln und anschließend aktiv werden.

Politische Vorgaben sorgen für Verunsicherung

Dass es erst der Anfang einer langen Reise sein wird, dessen ist sich Voos bewusst. Denn Wissen allein reicht oft nicht aus. Für das Gelingen der Wärmewende sind noch andere Faktoren entscheidend. Die Politik gehört definitiv dazu. In den vergangenen Monaten hat sie jedoch offensichtlich mehr für Verwirrung, denn für Ordnung gesorgt. Das spiegelt sich auch in der Umfrage von co2online wider, wie die nachfolgende Grafik zeigt.

Infografik: Übersicht der Faktoren und Akteure, die laut einer Umfrage die Energie- und Wärmewände in Deutschland am stärksten bremsen.

Auf Platz Eins der Faktoren, die die Wärmewende am meisten ausbremsen, stehen unklare und häufig wechselnde politische Vorgaben. Auf Platz Zwei und Drei wurden Bürokratie und langsame politische Entscheidungsprozesse genannt. Die Folgen sind unter anderem Unsicherheiten in der Bevölkerung, stagnierende Verkaufszahlen auf dem Heizungsmarkt und sogar sinkende Sanierungsquote. Um all dies wieder einzufangen, braucht es mehr Menschen wie Patrick Voos, der nicht nur beruflich, sondern auch privat mit gutem Beispiel vorangeht und sein Haus energetisch auf den neuesten Stand gebracht hat. Dass ein Haus allein nicht die Energiewende vorantreiben kann, ist ihm klar. Voos hat deshalb seine größeren Wünsche an die Regierung gleich mitgegeben:

„Leider ist der Klimaschutz – ebenso wie die Klimaanpassung – noch immer keine kommunale Pflichtaufgabe, sondern eine freiwillige Leistung. Das ist ein fundamentaler Widerspruch. Denn die Herausforderungen der Energie-, Wärme- und Verkehrswende werden nicht kleiner, sondern drängender. Hier wünsche ich mir endlich die entsprechenden Weichenstellungen auf Landes- und Bundesebene, damit die Kommunen der Bürgerschaft als Partner zur Seite stehen können.“

‒ Dr. Patrick Voos

Ob GEG oder GModG – viele Kommunen sind bereits aktiv

Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, bleibt offen. Fakt ist, dass die Bundesregierung mit dem geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), insbesondere mit der Ersetzung der 65-%-EE-Pflicht für neue Heizungen durch eine sogenannte Bio-Treppe ab 2029 den Druck von den Hauseigentümer*innen genommen und ihn auf die Kommunen verlagert hat. Ob das der richtige Weg ist, wird sich noch zeigen. Läuft alles wie geplant, soll das Gesetz im Herbst 2026 verabschiedet werden. Die Kommunen jedenfalls müssen wie geplant und fristgerecht die Wärmepläne erstellen. Von den 80 Kommunen, die es bis Ende Juni 2026 schaffen müssen, haben nach aktuellen Angaben des Portals KWW-Halle über 70 % ihre Pläne abgeschlossen (Stand Juni 2026). Die kleineren Kommunen mit weniger als 100.000 Einwohner*innen haben noch bis Ende Juni 2028 Zeit. Wie es in Ihrer Kommune aktuell aussieht, können Sie in der nachfolgenden Tabelle nachschauen.

Nahwärmeprojekt einfach mal machen

Eine der großen Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohner*innen ist Stuttgart. Die Landeshauptstadt hat ihren Wärmeplan bereits im Dezember 2023 erstellt und beschlossen. Ein Blick auf die Karte zeigt aber, dass es noch viele Stadtteile gibt, die nicht markiert sind – sogenannte Einzelversorgungsgebiete. Robert Hoening lebt in einem dieser Gebiete, genauer gesagt in Botnang.

Der diplomierte Wirtschaftsingenieur ist seit mehreren Jahren bürgerschaftlich aktiv und einer von 70 sogenannten Solarscouts in Stuttgart. Sie begleiten Hauseigentümer*innen unabhängig und ehrenamtlich auf dem Weg zu ihrer Photovoltaikanlage auf ihrem Dach. Anstatt sich für eine typische Einzellösung zu entscheiden, hat Hoening zusammen mit elf anderen Menschen ein Nahwärmeprojekt gegründet. Das Ziel: ein Wärmeversorgungskonzept für die insgesamt 43 Gebäude. Der Fokus liegt aktuell auf vier bis fünf leistungsstarken Luft-Wasser-Wärmepumpen, die auf dem Dach eines einzigen Gebäudes platziert werden sollen.

„Wir haben sicherheitshalber zwei Häuser ausgewählt, die dafür infrage kommen, und beide vom Statiker prüfen lassen“, sagt Hoening. Interessanterweise seien die überwiegend älteren Bewohner*innen vor allem froh, dass sich jemand darum kümmere. Das entspricht der Tatsache, dass vor ein paar Jahren viele Menschen zu ihm und seinen Mitstreiter*innen kamen und um Unterstützung für ihre Heizungszukunft baten. Seitdem sind er und seine Mitstreiter*innen aktiv, haben Projektskizzen konkretisiert, Planungsangebote eingeholt und eine Machbarkeitsstudie durchführen lassen. Mehrere Vorstellungsrunden sind bereits absolviert. Jetzt geht es nur noch darum, die letzten Details zu klären und die Anwohner*innen, die bisher noch nicht dabei sind, zum Mitmachen zu motivieren. Ob sie das schaffen werden? Hoening ist da optimistisch.

Der Spirit von Botnang in Berlin?

Zurück nach Berlin. Die beiden älteren Damen stehen inzwischen am Stand der Wärmewendeagentur. Mit der Perspektive, bis 2035 warten zu sollen, geben sie sich nicht zufrieden und fragen nach Alternativen, mit denen sie früher starten können. Der Mann mit der Eigentumswohnung in der WEG hat am Stand der BEW den Tipp bekommen, eine Energieberatung zu beauftragen. Das will er mit den anderen Eigentümer*innen nun besprechen. Es scheint so, als wäre der Spirit aus Botnang in Berlin angekommen: Einfach loslegen und machen, statt zu warten.

Überall im Land treiben die Menschen die Energiewende aktiv voran. Im Folgenden finden Sie eine kleine Übersicht über Aktionen und Tools, die Sie dabei unterstützen.

Aktionen:

Tools:  

Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Sie noch weitere Aktionen und Tools kennen, die für andere Menschen hilfreich sein können, schicken Sie eine Nachricht mit dem Betreff: Weitere Hinweise an info@co2online.de

Christine Persitzky

Über die Autorin

Christine Persitzky

Christine Persitzky verstärkt die co2online-Redaktion seit Juni 2023 und arbeitet vor allem zu den Themen Photovoltaik, Energiesparen und Nachhaltigkeit. Außerdem beschäftigt sie sich damit, was Wohnungseigentümergemeinschaften in Sachen energetischer Sanierung und Klimaschutz tun können.

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Minh Duc Nguyen

Über den Autor

Minh Duc Nguyen

Minh Duc Nguyen ist seit 2020 Teil der co2online-Redaktion. Er ist besonders vertraut mit dem Thema Heizung im Allgemeinen, sowie Fernwärme und Wärmepumpe im Besonderen. Darüber hinaus gehört der Bereich staatliche Fördermittel für Wohngebäude zu seiner Expertise.

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