Interview mit Robert Hoening:
vom Nahwärmeprojekt „Vivaldi”
02.07.2026 Lesedauer: min Minh Duc Nguyen
Über 30 Ein- bis Zweifamilienhäuser. Drei Mehrfamilienhäuser. Eine Frage: Wie kann die Heizlösung für die nächsten Jahre aussehen? Gemeinsam mit seinen Mitstreiter*innen hat Robert Hoening, Diplom-Wirtschaftsingenieur und gelernter General- und Unternehmensplaner, in Stuttgart-Botnang ein Wärmeprojekt ins Leben gerufen, das über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Im Interview erklärt er, wie sie die Menschen vor Ort für das Projekt gewinnen konnten und warum sie bei einigen zu spät kamen.
Herr Hoening: Was versteht man unter Nahwärme?
Robert Hoening: Ich weiß gar nicht, ob es da irgendwelche wissenschaftlichen Abgrenzungen gibt, aber man könnte natürlich sagen, Nahwärme ist der kleine Bruder der Fernwärme. Es unterscheidet sich dadurch, dass es in der Regel etwas kleiner dimensioniert ist und dass die Wärme auch eher vor Ort erzeugt wird und nicht in irgendwelchen größeren industriellen Anlagen. Nahwärme ist eher quartiersbezogen. Um vielleicht nach unten noch abzugrenzen: Da gibt‘s dann noch die Nachbarschaftswärme. Das sind kleine Netze, die aus wenigen Häusern bestehen, die sich aber trotzdem entschieden haben, gemeinsam ihre Wärmeversorgung zu betreiben.
Was konkret haben Sie und Ihre Mitstreiter*innen in Botnang geplant?
Robert Hoening: Dazu muss ich erst anmerken: Diese Genossenschaft versteht sich als energetische Quartiersgenossenschaft. Das heißt, sie ist nicht unbedingt wie eine Bürgerenergiegenossenschaft. Eine Bürgerenergiegenossenschaft hat normalerweise einen Solar- oder Windpark und verteilt dann den Strom unter seinen Mitgliedern und Genossen. Das machen wir nicht. Wir verstehen uns eher als ein technisches Büro, das den Leuten bei ihren energetischen Herausforderungen hilft. Das kann eine Solaranlage oder eine Wärmepumpe in einem Einfamilienhaus sein, das kann aber auch eine Wärmepumpe für ein Mehrfamilienhaus sein. Wir sind da vollkommen offen.
Und es ist dann tatsächlich so gewesen, dass Menschen aus mehreren Mehrfamilienhäusern auf uns zugekommen sind mit der Bitte, sie zu unterstützen bei ihrer Heizungszukunft. Zudem ergab es sich, dass die Häuser fast nebeneinander lagen. Wir wussten, dass auch die dazwischenliegenden Häuser ein Problem haben. So ist dann aus dem Blauen heraus die Idee entstanden, zu prüfen, ob ein Nahwärmenetz Sinn macht. Dieses Nahwärmenetz hat den Namen „Vivaldi“ bekommen, weil die meisten Häuser am Vivaldiweg liegen. Unter diesem Namen macht es jetzt Furore.
Innerhalb von Stuttgart?
Robert Hoening: Nein. Das ist inzwischen auch schon ein bisschen über Stuttgarts Grenzen hinaus bekannt. Es gibt einige, die beobachten das ganz arg, was wir hier so machen.
Welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, damit Sie überhaupt ins Handeln kommen konnten?
Robert Hoening: Zunächst haben wir geprüft, ob das Projekt technisch und finanziell überhaupt machbar ist. Für die ungewisse Anfangsphase gibt es keine klassischen Förderprogramme. Deshalb haben wir selbst Planungsbeiträge eingeworben: 30 Eigentümer*innen waren bereit, je 500 Euro als Risikobeitrag aufzubringen. Aus diesen 15.000 Euro wurden dann 90.000 Euro, da der Stuttgarter Stadtrat einstimmig einen Zuschuss von 75.000 Euro beschlossen hat. Mit diesem Geld konnten wir ein professionelles Ingenieurbüro beauftragen, um die Machbarkeit zu prüfen.
In dieser Machbarkeitsstudie haben wir verschiedene Varianten durchgespielt. Wo kann eine Heizzentrale entstehen? Wie hoch ist der tatsächliche Wärmebedarf? Welche Wassertemperaturen sind sinnvoll? Wir haben ein kaltes Netz mit 35 °C, ein heißes mit 70 °C und schließlich ein Netz mit 55 °C geprüft – und uns für Letzteres entschieden. Eine Machbarkeitsstudie ist immer auch ein Dialog, das muss man klar sagen. Da kommt nicht jemand und sagt: „Ich weiß alles.” Es ist ein über mehrere Wochen dauernder kreativer Prozess.
Wie haben Sie und Ihre Mitstreiter*innen es geschafft, die (meisten) Menschen vor Ort mitzunehmen?
Robert Hoening: Das Spannende und zugleich die eigentliche Herausforderung ist, an die Leute heranzukommen. Wohnungseigentümergemeinschaften sind häufig heterogen zusammengesetzt. Einfamilienhausbesitzer*innen haben ganz andere Interessen. Die Genossenschaft als Organisationsform war dabei hilfreich, weil wir bereits Mitglieder hatten und über deren Netzwerke – zunächst sehr unbestimmte Netzwerke, wo jemand jemanden kennt, der jemanden kennt – tatsächlich mit mehr als der Hälfte der Gebäudebesitzenden in Kontakt treten konnten.
Wir haben von Anfang an auch ausgerechnet, ob sich das Ganze lohnt im Vergleich zu einer individuellen Wärmepumpe. Immerhin haben wir es geschafft, dass die Leute sagten: Das klingt plausibel, das könnte was werden. Ein Glücksfall war außerdem, dass die Einfamilienhäuser im Quartier – allesamt gleich alt und gleich gebaut – bereits eine gewachsene Gemeinschaft hatten. Es gibt eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe und gelegentliche Nachbarschaftsfeste. Das hat die Kommunikation enorm erleichtert.
Gab es auch kritische Stimmen?
Robert Hoening: Ängste gab es durchaus, das ist gar keine Frage. In unserem Quartier gibt es drei Mehrfamilienhäuser als Wohnungseigentümergemeinschaften und etwas über 30 Einfamilienhäuser als Reihenhäuser und Doppelhaushälften. Die Einfamilienhausbesitzer*innen hätten grundsätzlich auch die Möglichkeit gehabt, ihre eigene Lösung zu finden. Das hätte jedoch bedeutet, dass jede und jeder eine Wärmepumpe auf das eigene Dach stellen müsste – sofern nicht ohnehin schon eine neue Gasheizung installiert war. Das war leider in rund 20 Prozent der Fälle so. Wir sind insofern bei einigen etwas zu spät gekommen.
Ich muss aber hinzufügen: Vor zwei Jahren gab es schlicht noch kein überzeugendes Angebot an Wärmepumpen und kaum Installateure, die sich das zugetraut hätten. Das waren Entscheidungen mangels Alternative – und die meisten haben sie nur mit Bauchschmerzen getroffen.
Welche technische Lösung ist geplant?
Robert Hoening: Geplant sind vier bis fünf Wärmepumpen auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses. Dachaufstellung ist, wenn es irgendwie geht, zu bevorzugen. Wir haben sicherheitshalber zwei Häuser ausgewählt, die dafür infrage kommen, und beide vom Statiker prüfen lassen, ob die Dachlasten ausgehalten werden. Interessanterweise sind die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Häuser – überwiegend ältere Menschen – vor allem froh, dass sich jemand kümmert. Und man kann ihnen auch sagen: Wenn ihr das nicht für das Quartier macht, braucht ihr trotzdem irgendwann eine Wärmepumpe auf dem Dach.
Bekommen die Bewohner*innen in dem Gebäude, auf dessen Dach die Wärmepumpen stehen sollen, eine Art Kompensation?
Robert Hoening: Ja, sie sollen eine Dachpacht erhalten. Der genaue Betrag ist noch nicht ausverhandelt, vertraglich ist das Ganze noch nicht festgelegt. Im Moment läuft alles auf Goodwill-Basis. Aber das ist der Plan.
Wie ist der aktuelle Stand? Rechnen Sie mit einem erfolgreichen Abschluss?
Robert Hoening: Wenn wir nicht damit rechnen würden, würden wir nicht weitermachen. Aber uns fehlen noch die entscheidenden Zahlen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Planung so weit zu bringen, dass wir den Leuten ein konkretes Preisangebot machen können: Was kostet der Anschluss? Was die Jahresgebühr? Was die Kilowattstunde Wärme? Erst dann, glauben wir, werden die Menschen bereit sein zu sagen: Da mache ich mit. Wir hoffen, das noch in diesem Sommer hinzubekommen.
Das alles ist natürlich ein gewagter Akt. Wenn man sich da verrechnet, kann das fatale Folgen haben. Deswegen wollen wir uns nicht zu früh zu weit aus dem Fenster lehnen. Auf der kaufmännischen Seite bringe ich selbst Erfahrung mit, mein Kollege Michael Janzer ist Ingenieur und war Entwicklungsleiter bei Bosch. Und im Aufsichtsrat haben wir auch eine Juristin, die Verträge prüft.
Was geben Sie Menschen mit, die auch ein solches Projekt angehen möchten?
Robert Hoening: Das Allerwichtigste ist, erst mal die richtigen Protagonistinnen und Protagonisten zu versammeln. Man braucht eine Gruppe von Leuten, die sagen: Wir gehen das an, wir treiben das voran. Und diese Gruppe sollte nicht nur technisch, sondern auch sozial gut aufgestellt sein, ein Gespür haben für das, was die Menschen im Quartier wünschen, wie die Stimmung ist. Das sind weiche Faktoren, die aber am Ende den Unterschied machen. Meistens wissen die Leute selbst: Bei uns könnte das klappen. Oder: Bei uns keine Chance. Man braucht Menschen, die im Quartier gut verwurzelt und vernetzt sind. Und dann, wenn man ein bisschen Durchhaltevermögen mitbringt, bekommt man auch die technische Unterstützung, die man braucht, um die Sache voranzutreiben.
Vielen Dank für das Gespräch!
Im VierWende-Webinar hat Robert Hoening noch mehr Details verraten und weitere Tipps gegeben. Schauen Sie mal rein!
https://vierwende.de/media_center/folder/b41a5384-d409-46ec-87f7-5e88c8df8a93