Die Weltretter-Familie
Klau Ungerer hatte schon immer den Energieverbrauch eines Hobbits. Keine Heizung im Winter, kein Führerschein. Nicht gern im Flugzeug. Kein Fleisch! Also, so gut wie ... Alles, was Energie und CO2 spart, macht eigentlich auch mehr Spaß: Fahrrad fahren, Schweine am Leben lassen, kuscheln. An sehr guten Tagen kann er sogar einfach im Park sitzen, statt durchs Netz zu surfen!
Er nimmt uns mit in seinen Familienalltag – und auf die Mission, nicht weniger als die Welt zu retten.
Folge 2: Das Superthermostat
Bei uns zu Hause retten wir ja die Welt. Jeden Tag. Das kann ganz schön anstrengend sein. Etwa, wenn diese Rufe aus der Küche kommen und man weiß, dass die Kids einen wieder drankriegen werden ...
„Papa? Papa!“
Es ist Niko. Der 16-Jährige. Man soll Kinder immer spiegeln. Das ist wichtig für ihre Entwicklung zu tragfähigen, verantwortungsbewussten Menschen. Ich beschließe, Niko zu spiegeln, indem ich einfach erst mal nicht antworte. Er würde das genauso machen.
„Papa? Ich weiß, dass du mich hörst.“
Ich räuspere mich umständlich. Öhömm, ähämm.
„Irgendetwas an deiner Stimme gefällt mir nicht, junger Mann“, antworte ich. In Gedanken. In Gedanken bin ich immer filmreif.
In der Realität eines friedlichen Sonntagmorgens erhebe ich mich von meinem Ehebett, in dem meine Frau Anja weiterhin fehlt, da sie nach Kenia geflogen ist, beruflich, um auch dort die Welt zu retten.
Und schlendere Richtung Küche. Mann-zu-Mann-Gespräch. Selten genug. Wenn ich in die Küche komme, werde ich ihn direkt fragen, ob er mir einen Kaffee gemacht hat, dann wird er schon mal in der Defensive sein, und egal was da kommt, ich werde es souverän abarbeiten können.
Ich biege um die Ecke. Mit einem schiefen Grinsen unter dem strubbeligen Haar schiebt Niko mir einen Kaffee rüber, schlecht geschäumte Milch, zu wenig Kaffee, Kaffee zu plörrig, Kaffeeschäumer nicht ausgespült. Milchschaumtupfer überall.
Aber er ist ja SO süß! Ich liebe ihn.
Er hält mir dieses weiße elektronische Gerätchen entgegen, das auf dem Küchentisch lag. Oh-oh, ich weiß ja, wir sollen keinen privaten Kram in Gemeinschaftsräumen rumliegen lassen. Damit wird er mich drankriegen. Aber Niko macht nur sein Was-zur-Hölle-ist-das?-GIF-Gesicht.
Tja. Das habe ich mich gestern Abend auch erst gefragt. Als es an der Tür klingelte. In der Tür stand Strom-Holger, unser Nachbar. Und reckte mir stolz das weiße Dingens entgegen.
In Nikos Fingern mit den schrundig lackierten Nägeln wirkt es gleich viel weniger glamourös.
„Oh“, sage ich, „das?“
Ich komme nicht mehr so ganz drauf, wie Strom-Holger das Ding genannt hat. Irgendetwas mit einem Markennamen und ein paar Zahlen und Buchstaben, und als er diese Silben aussprach, schienen sie wie eine Zauberformel zu sein, die mir höchsten Respekt abnötigen sollte. Strom-Holger selber war ganz ergriffen davon.
„Das ist von Holger“, sage ich.
„Ich dachte, es wäre vom Dönermann.“
Ich denke nach. Der Kaffee ist weniger schlimm als befürchtet. Fast schon lecker!
„Ja, also, das ist so eine Art hyperintelligentes Thermostat mit Internet, Fernsteuerung, Wettervorhersage und den Lottozahlen von nächster Woche.“
„Und Quantenmotor“, schließt Niko.
„Quantenmotor,“, das ist gerade so ein Standardgag bei ihm und seinen Kumpels. Ich habe noch nicht ganz verstanden, worin der Witz liegt. Aber das macht ihn wohl besonders gut.
„Holger“, sage ich, „hat doch vor zwei Jahren diese Erbschaft gemacht, weißt du noch?“
„Ach ja. Das Krokodil auf dem Golfplatz.“
Er und Leni haben den tragischen Unglücksfall damals zu einer selbst produzierten Drei-???-Folge verarbeitet, „Das Krokodil auf dem Golfplatz“. In Wirklichkeit gab es nur eine äußerst unwahrscheinliche Abfolge von Ereignissen, in die ein Caddycar, ein Neuner-Eisen und Holgers südafrikanische Erbtante, die mit den Wallekleidern, verwickelt waren. Holger hat mir damals sogar eine Skizze gemacht, die ich wieder vergessen habe, nicht aber den völlig faszinierten Ausdruck in Holgers Augen.
„Ja“, sage ich, „und mit dem Erbe hat er sich damals einen ganzen Schwung hyperintelligenter Thermostate gekauft, solche hier, um für die Zukunft abgesichert zu sein.“
„Und?“
„Nach dem Ablauf von exakt zwei Jahren hat er jetzt eine Kosten-Nutzen-Rechnung erstellt, eine Haltbarkeitsstudie und eine belastbare Amortisierungsprognose.“
„Äh?“
„Nach seinen Berechnungen hat Holger, bis zu seinem erwarteten eigenen Ableben, genau ein Superthermostat zu viel. Und ob wir das haben wollen. Weil, sonst bliebe es ja bis auf Weiteres ungenutzt, und der Wettlauf ums Klima sei ja so ein enges Rennen ...“
„Papa.“
„Ja?“
Jetzt kommt auch Leni hereingeschlurft. Die 14-Jährige.
„Oh“, sagt sie, „ein LoobyMatic 2309-C. Schönen Gruß von Bill Gates!“
„What?“, sage ich.
„MANCHE sagen, dass das der neueste Dreh von Bill Gates ist“, sagt Leni, „um die Welt zu beherrschen. Das Ding liest alle deine Daten aus, regelt deine Temperatur, zeichnet jede deiner Bewegungen ...“
„Boah, LENI!“, sagen wir.
Leni macht das kleine Emoji, das mit erhobenen Armen alle Schuld von sich weist.
„Killt nicht den Boten!“, flötet sie, „Ich sage nur, was die Leute sagen.“
„Was hat Bill Gates denn davon, wenn bei uns die Heizung hochgeht?“, überlegt Niko.
„Emily sagt, bei ihnen ist das Fernsehbild ganz blau geworden, nachdem sie die Thermostate ausgewechselt haben. Just sayin' ...“
„Bill Gates will, dass wir blaue Filme angucken?“
„Ich sage nicht, dass es SO IST. Ich sage nur, man hört komische Sachen.“
„In deinem Alter“, sage ich, „hört man FAST NUR komische Sachen.“
„Wirst Du die Thermostate wieder alle selber auswechseln?“, fragt Leni. „Dann lade ich Emily und Nuria ein. Die würden das auch gerne sehen.“
Vor zwei Jahren musste ich bei uns sämtliche Uralt-Thermostate auswechseln, weil Strom-Holger mir seine halbintelligenten allesamt überreicht hat, und, ja, ich habe eine gute Show abgeliefert, mit mehreren Werkzeugkästen, schwerem Gerät, riesigen Wischlappen, einem Eimer und allerhand anderem Zeug, das nicht gebraucht wurde.
„Kriegen wir dann alle die App aufs Handy?“, fragt Niko.
Leni hat sich das Looby-Ding geschnappt. „Und können dann alle möglichen Hacker endlich unser W-Lan infiltrieren und unsere Bankkonten anzapfen?“
„Und meinen Battlefield-Spielstand?“
„Und meine Tiktok-Zugangsdaten?“
„Und Papas Browserhistorie?“
„Und ...“
Gebieterisch hebe ich die Hand.
„Ich weiß, was wir tun!“, sage ich, keinen Widerspruch duldend. „Wir warten erst mal, bis Mama nach Hause kommt!“
Das ist gut. Das nicken die ab. Leni droppt den Looby klackernd auf die Tischplatte und schäumt sich einen gigantischen Hafervanille-Milchschaum, von dem die Hälfte über die Arbeitsfläche gischtet.
„Machst du mir auch einen?“, fragt Niko. Leni nickt.
Es ist herrlich. Es ist so friedlich. Überhaupt, seit Niko vor zwei Jahren die ganzen Thermostate programmiert hat, ist es immer so angenehm kuschlig bei uns in der Küche.
Ihnen hat der Text gefallen? Dann empfehlen Sie unseren Newsletter weiter. So landet die nächste Kolumne automatisch in den Postfächern von Familie, Freunden und Bekannten.