Die Weltretter-Familie

Mann mit einem Beutel mit der Aufschrift: "Save the earth".

Klau Ungerer hatte schon immer den Energieverbrauch eines Hobbits. Keine Heizung im Winter, kein Führerschein. Nicht gern im Flugzeug. Kein Fleisch! Also, so gut wie ... Alles, was Energie und CO2 spart, macht eigentlich auch mehr Spaß: Fahrrad fahren, Schweine am Leben lassen, kuscheln. An sehr guten Tagen kann er sogar einfach im Park sitzen, statt durchs Netz zu surfen!

Er nimmt uns mit in seinen Familienalltag – und auf die Mission, nicht weniger als die Welt zu retten.

Folge 5: Schimmel-Alarm

Bei uns zu Hause retten wir ja die Welt. Jeden Tag. Das kann ganz schön anstrengend sein. Aber es gibt halt auch diese netten, besorgten Momente. Rücksichtnahme, Achtsamkeit, Sorge um den Planeten und die eigenen Liebsten – die Hoffnung auf ein besseres Morgen. Das alles liegt in dem verschwindend zarten Anklopfen an meiner Tür. Es wird wohl meine süße Leni sein, die 14-Jährige. Sicher ist ihr wieder eine Energiesparbirne kaputt gegangen, oder sie braucht eine Entschuldigung für die Schule wegen der blöden Biolehrerin, oder sie hat die Tür vom Tiefkühlschrank über Nacht aufgelassen.

Damit sie mich auf ewig als arbeitsamen Papa in Erinnerung behält, versinke ich erst mal tief im Bildschirm und ordne meine Tabs. Dann macht es klick. Dann steht sie direkt neben mir. Ihr süßes Mädchengesicht schaut mich vertrauensvoll an. Spüre ich da eine gewisse Traurigkeit? Hat sie etwas auf dem Herzen, das sie eigentlich nur ihrer Mutter anvertrauen würde, meiner Frau Anja, die nach ihrem Weihnachtsaufenthalt zurück nach Kenia musste, beruflich, um auch dort die Welt zu retten?

„Pilze sind so kotz“, sagt sie.

Das ist eine Information, die ich zunächst verarbeiten muss. Was antworten? Ermahne ich, weil wir Worte wie „k***“ nicht mehr sagen wollen? Liegt ein Notfall vor? Vielleicht eine Lebensmittelvergiftung? Sind es schon Drogen? Braucht Leni ein offenes Ohr oder direkt medizinische Hilfe?

Sie hat sich wieder abgewendet und schleicht investigativ durch mein Zimmer. Sie knipst das große Licht an, vor dem sie sonst immer aus Stromspargründen warnt. Sie mustert die Wände und die Ecken der Decken, dreht mein Thermostat zwei Stufen runter. Bleibt vor meinem überbordenden Zwei-Tonnen-Bücherregal neben dem Fenster stehen.

„Papa!“ sagt sie, „das ist eine Außenwand.“

Wenn ich nur wüsste, worauf sie hinaus will?

„Dann würde es im Zimmer ja regnen“, sage ich.

„Mittelwitzig“, sagt Leni. Und versucht, hinter mein Regal zu spähen.

„Moin“, sagt Niko, der 16-Jährige, der auch plötzlich neben mir steht. „Wusstest du, dass sie schwarzen Schimmel an Bord der ISS haben? Und außen dran auch?“

„Guten Morgen“, sage ich, „die internationale Raumstation ISS befindet sich im Vakuum. Zweihundert Grad unterm Gefrierpunkt. Hat ständig kosmische Strahlung, mit der du dein Popcorn poppen kannst.“

„Mhm“, sagt Niko, „aber das hat dem Schimmel niemand gesagt.“

Leni reißt erst mal mein Fenster auf.

„Ich, ähm...“, sage ich.

„Querlüften“, sagt Leni, „super wichtig. Drei Mal am Tag.“

„Die Leute auf der ISS würden einiges dafür geben“, sagt Niko.

Im Zimmer entsteht sofort ein Zug, der mir einen Schwung Rechnungen und Manuskriptseiten vom Schreibtisch weht. Niko checkt kurz meinen Bildschirminhalt. Dann schlendert er zu Leni.

„Regal an der Außenwand“, sagt er dann, „sehr geil. Hab ich zuletzt in Irland gesehen, als wir dieses Mittelalter-Castle besucht haben.“

Während ich Lesebrillen-Etuis, Scheren, Textmarker und Handcremes über meine ganzen ausgebreiteten Papiere verteile, drücken beide Kinder ihre Köpfe an die Wand und starren hinter das Bücherregal. Von beiden Seiten funzeln sie mit ihren Handy-Taschenlampen dahinter an die Wand.

Ein volles Bücherregal

„Halt mal still“, sagt Leni. Niko hält still.

Mehrere Sekunden lang ist es ruhig. Sehr ruhig. Dann dreht Leni sich zu mir um.

„Wir müssten das von der Wand abrücken“, sagt sie.

„Wir... was?“, entgegne ich.

„Die gute Nachricht ist“, sagt Niko, „von hier aus sieht man erst mal nichts.“

„Die schlechte Nachricht ist“, sagt Leni, „das hat nichts zu sagen.“

„Vielleicht rücken wir es ab, sehen immer noch nichts ...“, sagt Niko.

„Und der Schimmel ist trotzdem schon da.“

„Hinter der Tapete.“

„In der ganzen Wand.“

„Voller Giftstoffe.“

„Weil du zwar schon bisschen weniger heizt.“

„Aber Regal an der Außenwand? Puh.“

Leni sieht mich scharf an. „Hast du in letzter Zeit manchmal Sachen vergessen?“

„Bist du manchmal müde? Konzentrationsschwierigkeiten?“

Ob ich MANCHMAL müde bin?

„Ja“, sage ich, „ich habe Konzentrationsschwierigkeiten. Seit zirka drei Minuten.“

Die ganze Nummer ist hoch verdächtig.

„Was habt ihr vor?“, frage ich. „Das ist doch ein abgezocktes Spiel.“

„Abgekartet, Dad“, sagt Leni, „Das heißt abgekartet.“

„Früher wusstest du das“, sagt Niko.

„Wir machen uns nur Gedanken“, sagt Leni.

„In Amerika gibt es schon so eine Schimmelpilzkrankheit“, sagt Niko. „Führt zu Hallus, Schwäche, Wirrnis ...“

„Totalem sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch ...“

In Amerika, so so. Neue Krankheit entdeckt, schon klar. Im Internet. Offensichtlich ist jetzt der Moment für einen medienkritischen, medizinkritischen, allgemein aufklärerischen und pädagogisch wertvollen Monolog! Da streicht Leni mir über den Kopf.

Sie weiß, dass mich das für ein paar Sekunden widerstandslos macht.

„Zum Glück gibt es Hilfe“, sagt Niko.

„Hier, guck mal“, sagt Leni. Sie hält mir ihr Handy vors Gesicht. Auf dem Handy ist ein unfassbar süßer Hund zu sehen, Border-Collie, der aufmerksam schnüffelnd durch eine Wohnung wirbelt, ganz offenbar im Arbeitseinsatz, ganz offenbar auf der Suche nach – was? Er wuselt durch ein Wohnzimmer, schnüffelt in einem Bad, erstarrt vor einem Fenster, um einen Fund anzuzeigen.

Dieser Blick. Diese wahnsinnig süßen Ohren. OMG.

„Das ist Chip“, sagt Leni.

„Ein Schimmelspürhund“, sagt Niko.

„Er wohnt nur drei Straßen von hier!“

Ich schaue Chip an. Er wedelt, arbeitet, sucht. Kaum auszuhalten, wie hinreißend er ist. Gerade wuselt er durch den Keller. Er sieht so glücklich aus, fast als lächelte er. Er hat jetzt an zwei Stellen Schimmelspuren gefunden, so tüchtig. So sweet.

„Okay“, sage ich, „Okay. Wir müssen handeln. Wer ruft ihn an?“

Niko tippt direkt auf sein Display und hält sich das Handy ans Ohr.

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Externer Autor: Klaus Ungerer.

Über den Autor

Klaus Ungerer

Klaus Ungerer war Feuilletonredakteur der F.A.Z. und Textchef der Wochenzeitung „der Freitag“. Heute lebt er als Schriftsteller in Berlin. Seine Liebesnovelle war 2022 für die „Welt am Sonntag“ „das beste Buch“. Im mare-Verlag ist gerade sein Stadtporträt „Mein Lübeck“ erschienen.

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