Die Weltretter-Familie
Klau Ungerer hatte schon immer den Energieverbrauch eines Hobbits. Keine Heizung im Winter, kein Führerschein. Nicht gern im Flugzeug. Kein Fleisch! Also, so gut wie ... Alles, was Energie und CO2 spart, macht eigentlich auch mehr Spaß: Fahrrad fahren, Schweine am Leben lassen, kuscheln. An sehr guten Tagen kann er sogar einfach im Park sitzen, statt durchs Netz zu surfen!
Er nimmt uns mit in seinen Familienalltag – und auf die Mission, nicht weniger als die Welt zu retten.
Folge 6: Gefrierschrank-Sharing
Bei uns zu Hause retten wir ja die Welt. Jeden Tag. Das kann ganz schön anstrengend sein. Deswegen sind mir meine Sonntage heilig. Sonntags schnappt man sich ein gutes Buch. (Okay: Handy. Man schnappt sich ein gutes Handy.) Lässt ein bisschen ruhige Musik laufen. (Okay: Die Musik der 14-Jährigen und die Musik des 16-Jährigen laufen im Hintergrund auch noch.) Legt die Füße hoch. Es klingelt. Und man denkt nur: Lass es bitte, bitte nicht Strom-Holger sein!
Das Doofe an Nachbarn ist: Sie wissen, dass man da ist. Anhand der Musik können sie sogar sagen, wer von uns da ist. Es ist die volle Besetzung. Man kann maximale Aufmerksamkeit erreichen. Was man durchaus möchte. Denn man ist ja auf einer Mission.
„Hai“, sagt Strom-Holger in der Wohnungstür. Frisch geduscht ist er, drei Minuten fünfzehn bei 28 Grad Wassertemperatur, er duftet, hat seinen Zopf makellos hinterm Kopf zusammengezurrt. Seine Hand hält eine zugeklebte transparente Tüte, in der sich offenbar Innereien befinden oder irgendein anderer blutiger Schlonz, mit dem Holger, soweit ich weiß, seinen Hund ernährt.
Jahrelang hat Holger alleine gelebt. Dann ist er eine Zeit lang abends viel ausgegangen. Dann hat er sich einen Hund zugelegt. Einen geretteten. Aus Griechenland. 80 Kilo. Ich habe mir immer mal vorgenommen, ihn zur Ökobilanz des Hundes zu befragen, aber irgendwie hat sich das nie ergeben.
„Kann ich reinkommen?“, fragt Holger und hält mir als Erklärung die Tüte mit dem roten Schlonz vors Gesicht.
Ich lasse ihn rein. Das Problem an Holger ist, dass ich ihn eigentlich ganz nett finde. Eigentlich sogar ein bisschen vorbildlich. Er gehört zu dieser Art Menschen, mit der ich einen einsamen Planeten bevölkern würde, oder eine einsame Insel. Er würde niemandem etwas zuleide tun, würde eine aufgeklärte Demokratie mit nur leicht öko-autoritären Zügen errichten, aber immer ginge alles einigermaßen fair zu, immer kämen alle zu Wort. Und die CO2-Bilanz der Insel läge bei Null. Oder eher darunter.
Ich selber wäre natürlich auf einer anderen Insel. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt ist Holger erst mal in die Küche vorgestoßen und inspiziert mit einem halben Auge unseren Gefrierschrank.
OMG, was da alles drin ist! Vor allem: Eis. Also, Kondens-Eis. Wenn Holger das ganze Eis sieht, diese massive, aufwändig gekühlte Vergletscherung in unserer kuschligen Küche, wird er irgend so ein Pfeifgeräusch machen, halb anerkennend, halb vernichtend. Für das Eis in unserem Gefrierschrank gäbe es auf Holgers Insel eine empfindliche Geldstrafe. Oder Gefängnis. Oder Gesprächskreis bis Juni.
Ich muss verhindern, dass er sich hinsetzt. Wenn er erst mal sitzt, ist Holger nicht mehr fortzubewegen. Der kann dann einen ganzen Sonntag bei uns in der Küche hocken, erst schnackt er noch ein bisschen, aber das legt sich, und nach und nach können wir dann zu unserem Alltag übergehen, duschen, verschnaufen, Essen kochen. Nur dass da eben Holger sitzt, an unserem Küchentisch, und bei sich drüben Heizkosten spart. Wodurch dann am Ende der Planet noch gerade so die Kurve kriegt.
Was mir wirklich Sorgen bereitet, ist die Fleischtüte in seiner Hand.
„Wie läuft‘s bei dir?“, fragt Holger, „Job, alles in Ordnung?“
Er möchte also über seinen Job reden.
„Was ist das da in der Tüte?“, sage ich.
„Ja lustig,“, sagt Holger, „darauf wollte ich noch zu sprechen kommen.“
Ich nicke halb interessiert, halb abwehrend, wische irgendwas weg, mit irgendeinem Lappen, der dafür nicht vorgesehen ist.
„Bei uns im Labor machen wir ja Freezer Sharing“, sagt Holger, „ein Riesenerfolg!“
„Freezer Sharing?“
„Ja! Bis vor sechs, na, sieben Wochen hatte jede Arbeitsgruppe ihren eigenen Freezer. Teilweise war da zwei Drittel Leerstand!“
Ich vermeide es immer, mir Strom-Holger bei der Arbeit vorzustellen. Entweder sind dort Menschen, die seit Jahren jeden Tag dazu gezwungen sind, acht Stunden mit Strom-Holger zu verbringen. Oder, kaum ausmalbar: Alle dort sind wie Holger und er fällt gar nicht weiter auf.
„Oho,“ sage ich, „wow.“
„Wir haben das mal durchgerechnet und einen neuen Nutzungsplan erstellt. Es gab da einige Widerstände zu überwinden. Aber letztlich sage ich ja immer: Zahlen sprechen eine klare Sprache!“
„Ja!“, sage ich, „Zahlen. Unverzichtbar!“
Holger nickt eifrig, immer noch hat er seine Schlonztüte in der Hand, und plötzlich wird mir klar, was er hier heute vorhat.
Holger will Freezer Sharing bei uns im Haus einführen. Er wird mir gleich alles vorrechnen. Wird in seinem Planspiel ein bis zwei Gefrierschränke im Haus komplett aus dem Verkehr ziehen. Ein reger Austausch quer über alle Wohnungen und Stockwerke hebt an. Alle lagern alles bei allen ein.
„Auch die Kommunikation bei uns im Labor hat sich messbar erhöht! Arbeitsgruppenübergreifend!“, sagt Holger.
„Hilfe“, schreibe ich auf Whatsapp. „Hilfe!!!“
Da hört man eine Tür gehen. Danach die andere. Französischer Hiphop und Barbie-Plastikmusik branden gemeinsam auf, wie rettende Fanfaren.
Leni und Niko stehen in der Tür.
„Papa“, mosert Leni los, „was ist jetzt! Du hast es VERSPROCHEN!!!“
Leni hat sich selbst um zwei Jahre jünger gemacht, back to the Quengelalter, unzugänglich für jedes Argument, jederzeit kurz vor der Explosion. Niko hat sich daneben in den Türrahmen geflegelt, er schaut so Gangster, wie es nur irgendwie geht, seine Haare sind verklebt und verwuschelt, die Fingernägel zur Hälfte lackiert, er trägt zwei Shirts schief übereinander.
„Ich habe“, sage ich, „WAS habe ich versprochen?“
„Boahhhh!!!!“, flucht Leni (12), gespielt von Leni (14). „KLEIDERTAUSCH?!?!?!?“
„Oh,“, sage ich, „äh.“
„Er hat es vergessen!“, höhnt Niko, auf einem nicht vorhandenen Kaugummi kauend.
„Ouhhhh,“, sage ich. „Ach ja, stimmt ja! Gar nicht vergessen!“
Entschuldigend drehe ich mich zu Strom-Holger.
„Wir suchen heute Klamotten raus“, sage ich. „Für eine Kleidertauschparty.“
„Oh, sehr gut!“, sagt Holger. „Kann man da Hunde mitnehmen?“
„Ich, äh...“
„Es ist ‚ne Privatparty, Digger“, sagt Leni.
Ich habe einen mittleren Hustenanfall, ganz plötzlich. Das dauert ein bisschen. „Tut mir leid“, sage ich dann zu Strom-Holger, „wir müssen. Du siehst ja.“
Nachdenklich schaut Holger auf den eingetüteten Fleischbrocken in seiner Hand. Überlegt kurz. Dann schlurft er langsam los, Richtung Ausgang. Niko begleitet ihn, öffnet ihm die Wohnungstür so eng wie möglich.
„Warmluftsparen“, sagt er. Und klickt die Tür hinter Holger rasch zu.
Dann dreht er sich um. Wir stehen zu dritt im Flur. Leni hat ganz riesige Augen. Niko fixiert einen Fleck an der Wand hinter mir. Ich selber versuche, mich aufs Atmen zu konzentrieren: ein... aus... ein... aus... Ich halte meine Hand hoch. Sie kommen zu mir geschlichen, eins nach dem anderen, sie klatschen mich ab, ganz sanft, ganz geräuschlos.
„Okay“, flüstere ich, „wer will 'ne Pizza?“
Ihnen hat der Text gefallen? Dann empfehlen Sie unseren Newsletter weiter. So landet die nächste Kolumne automatisch in den Postfächern von Familie, Freunden und Bekannten.