Die Weltretter-Familie
Klau Ungerer hatte schon immer den Energieverbrauch eines Hobbits. Keine Heizung im Winter, kein Führerschein. Nicht gern im Flugzeug. Kein Fleisch! Also, so gut wie ... Alles, was Energie und CO2 spart, macht eigentlich auch mehr Spaß: Fahrrad fahren, Schweine am Leben lassen, kuscheln. An sehr guten Tagen kann er sogar einfach im Park sitzen, statt durchs Netz zu surfen!
Er nimmt uns mit in seinen Familienalltag – und auf die Mission, nicht weniger als die Welt zu retten.
Folge 3: Duschen mit Hindernissen
Bei uns zu Hause retten wir ja die Welt. Jeden Tag. Das kann ganz schön anstrengend sein. Wenn man zum Beispiel morgens halb acht vor der Badezimmertür steht, höllisch Druck auf der Blase, und alles, was einem aus dem Badezimmer antwortet, ist „Shine On You Crazy Diamond“ von Pink Floyd. Ein Meilenstein der Popgeschichte: geschätzte 28 Instrumentalsolos, ein Song, der auf zwei Schallplattenseiten gepresst werden musste, weil eine einzelne nicht ausgereicht hätte.
Im Bad, das ist wohl Niko, mein 16-Jähriger. Ich klopfe mal höflich an. Pink Floyd sind gerade beim zweiten oder dritten ihrer Solos. Erst kam ein Solo auf Weingläsern, dann eins auf einer alten Lavalampe oder so, jetzt spielen sie gerade zwei Gitarrensolos gleichzeitig. Gesungen hat noch niemand.
Bumm.
Solo.
Bumm, bumm, bumm.
Ich habe für vieles Verständnis. Ich war selber mal jung. Da träumte ich von einer besseren Welt. Einem besseren Leben. Ohne Pink Floyd vielleicht sogar.
Und wie es dann immer so kommt. Niko hat gerade seine Prog-Rock-Phase entdeckt. Auf mein Klopfen hin fängt er an, intensiv und schief mit der Musik zu brummen, als wäre er ganz tief darin versunken, als hätte er irgendwelche Kopfhörer auf, was er in der Dusche natürlich niemals hat.
„Das hast du nun davon“, sagt Leni, die 14-Jährige. Plötzlich steht sie neben mir, piekfein, duftend, so als hätte sie gerade fünf Pink-Floyd-Stücke lang das Badezimmer belegt.
Ich weiß, was sie meint. Sie spielt auf unsere Duschdebatten an. Vor ein paar Wochen ist ja Anja, meine Frau, berufsbedingt nach Kenia gedüst. Um auch dort die Welt zu retten. Danach habe ich als erstes ein Familienplenum einberufen. Damit die gleich mal merken: Hier hat weiterhin jemand die Zügel in der Hand. Da ist einer, der sich kümmert.
Auf einer Klemm-Mappe hatte ich einen Zettel voller Tagesordnungspunkte, wobei die Punkte drei bis zehn nur Fake waren, für den Effekt. Tagesordnungspunkt eins war eine flammende Ansprache von mir: Mit sakral anmutender Rhetorik regelte ich das Putzen von Küche und Bad sowie die Müllentsorgung neu. Niko schaute dazu aus dem Fenster, Leni sah sehr streng und intensiv ihre Fingernägel an. Als Tagesordnungspunkt zwei hatte ich mir „Sparduschen“ überlegt. Zu Tagesordnungspunkt drei würde es eh niemals kommen, soviel war klar.
Kaum hatte ich eine mechanische Kappung der Duschtemperatur und die Anschaffung eines neuen Spar-Duschkopfs zur Debatte gestellt, explodierte das Plenum. Von „Unterdrückung“, „Witz“, „Kälteterror“ und „Ökobilanz eines Duschkopfkaufs“ war die Rede, Niko drohte einen Hygienestreik an, der sich vom Status Quo allerdings wohl kaum unterscheiden würde, Leni hatte irgendwo von einem Rentner gelesen, den Legionellen aus der Dusche getötet hatten. Der Sturm toste über mich hinweg, ich wurde verlacht, gedisst und erniedrigt.
Die Teambuildingmaßnahme funktionierte! Das Volk hatte sich gegen den Tyrannen solidarisiert. Das würde mir ein, zwei ruhige Tage bescheren. Kostbare Zeit, in der sich die nächsten Schritte überlegen ließen ...
„Gleich kommt das Orgel-Solo“, sagt Leni, „Das Orgel-Solo ist immer am schlimmsten.“
So weit ist es also gekommen. Gestern war sie noch ein kleines blondes Mädchen, das im Sonnenschein spielte. Heute kennt sie sich mit Pink-Floyd-Songs aus. Und das alles nur wegen meiner Duschpolitik.
Nachdem der Sturm der Verachtung über mich hinweg gegangen war und sämtliche Repressionsmaßnahmen abgeschmettert waren, hatte ich mich kurz geräuspert und dann einen Appell an die Vernunft rausgehauen, in dem ich auf die Erdgeschichte zu sprechen kam und das Massenaussterben des Paläozän/Eozän-Temperaturmaximums, und wie es mit unserer Duschdauer zusammenhängt. Die Kinder spürten, dass ich recht hatte. Oder kurz vorm Heulen stand. Grummelnd meinte Niko, okay, dass man die Duschzeiten verkürzen könne.
Leni zog das Ganze schon wieder ins Spaßmachende: „Man hat immer einen Lieblingssong lang Zeit zum Duschen!“
„Einen Song?“, muffelte Niko, „welchen denn?“
„Ganz normal Popsonglänge“, sagte Leni, „Drei dreißig.“ Und sie summte direkt los, irgendetwas von heute, das ich nicht kenne, mit umpf umpf und schalala.
In Niko wurde der Prog-Rocker wach.
„Drei dreißig ist kein richtiger Song“, sagte er, „das ist Kinderkacke. Ein richtiger SONG muss sich entwickeln, muss sich entfalten, muss einen auf unbekannte Wege führen.“
„Umpf! Umpf! Umpf!“ Machte Leni.
„Der Beat ist im Pop nur ein Hilfsmittel“, erklärte Niko, „eigentlich überflüssig. Der Beat ist der Mülleimer in einer Sterneküche.“
Leni lachte. Leni liebt schiefe Bilder. „Okay,“ sagte ich, „jeder kann seinen Lieblingssong hören und so lange duschen. Aber: Während der Solos bleibt die Dusche aus!“
„Genau, sagte Leni, „da kannst du dich einseifen.“
„Da kann ich vielleicht der Musik nachspüren? Mir Gedanken machen? Gedanken sind das, was kommt, wenn man den Beat weglässt. Bei manchen jedenfalls“, sagte Niko.
„Die Seife ist dieser glubschige Klotz an der Wand“, sagte Leni.
„Gut“, sagte ich, „dann sind wir uns ja einig.“ Seitdem gilt die Lieblingssong-Duschregelung. Nikos Prog-Rock-Phase hat sich massiv verfestigt. Gerade schwillt sein Gebrumm wieder an, und ich kann wirklich nicht sagen, ob es eine der Pink-Floyd-Melodien ist, die da aus seinem Hals krächzt. Vielleicht hat er doch auch Kopfhörer auf und hört heimlich andere Musik? Leni rüttelt wie wild an der Tür. „Nikoooooo“, schreit sie. „Total frauenfeindlich, was du da abziehst!“
Ich schaue mich um, nirgends eine Frau zu sehen. Aber eine wütende 14-Jährige.
„Niko, come on! Willst du wirklich so ein scheiß Macho sein? Willst du wirklich so eine SCHEISS Frauenhassernummer ...“
„Piep!“ Sage ich.
Da geschieht das Wunder. Pink Floyd bricht ab, mitten im schlimmsten Gedudel. Die Tür geht auf. Nikos verwuschelte Birne schaut heraus. Das ist meine Chance.
Allerdings wutscht Leni jetzt an mir vorbei ins Bad. Sie hat ein historisches Recht darauf! Über Jahrhunderte sind Frauen auf der Toilette ausgegrenzt und benachteiligt worden, das stand gestern erst in der Zeitung!
Niemand will jetzt eine Frauenrechtsdebatte mit Leni riskieren, nicht morgens halb acht. Hinter Niko rummst die Zimmertür zu, gleich darauf geht sein klassischer Franzosen-Hiphop an. Wumms, onk, wumms. Onk, onk, wumms wumms. Ich atme auf. Ich schlurfe in die Küche. Die Sonne strahlt friedlich herein über Kaffeemaschine und Toaster und Küchenwaschbecken. Ich habe ein paar Momente für mich. Es ist ein schöner Tag.
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