Energiewende hautnah erleben: zu Besuch in Feldheim
07.01.2026 Lesedauer: min Minh Duc Nguyen
Feldheim ist eines der ersten energieautarken Dörfer in Deutschland. Es hat die viel diskutierte Energiewende geschafft. Doch welche Hürden mussten die Verantwortlichen und die Bürger*innen dabei überwinden? Gibt es ein Erfolgsgeheimnis, das sich auf andere Dörfer und Kommunen übertragen lässt? Wir waren vor Ort und haben mit einem Projektverantwortlichen gesprochen.
Es war einmal ein brandenburgisches Dörfchen, das niemand kannte, bis es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über 50 Windräder samt Regelkraftwerk, Biogasanlage, eigenem Strom- und Wärmenetz aufstellte. Erstere sind nun kilometerweit zu sehen und haben das Dörfchen für immer aus seinem Dornröschenschlaf gerissen.
Ein Dorf wie kein anderes
Das Dörfchen gibt es, im Gegensatz zu vielen fiktiven Figuren der Brüder Grimm, wirklich und heißt Feldheim. Es ist ein Ortsteil der Stadt Treuenbrietzen, 83 Kilometer südwestlich von Berlin gelegen und ist Deutschlands erstes energieautarkes Dorf. Es hat die Energiewende also bereits vollzogen – natürlich nicht über Nacht, sondern über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Aber was bedeutet das genau? Welche Grundsteine wurden gelegt, welche Entscheidungen getroffen und wer war alles involviert? Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu erhalten und die Energiewende hautnah zu spüren, sind wir nach Feldheim gereist.
Voraussetzung 1: Saubere Energie im Überfluss
Schon Kilometer vor dem Ortseingang wurden wir von zahlreichen Windrädern empfangen. 55 an der Zahl, Nabenhöhen zwischen 70 und 149 Metern, die ersten bereits 1995 in Betrieb genommen. Manche davon sind so leistungsstark, dass sie im Schnitt je 28.400.000 kWh pro Jahr schaffen. Das reicht für knapp 9.000 Haushalte. Zum Vergleich: Im Dorf selbst leben etwas mehr als 100 Menschen.
Und da sind wir auch schon bei der ersten Besonderheit dieses Dorfes: Nach eigenen Angaben produzieren die 55 Windräder so viel Strom, dass sie im Durchschnitt 40.000 Haushalte versorgen. Allein diese Tatsache würde, so könnte man denken, ausreichen, um eine Kommune auf den ökologisch richtigen Pfad zu bringen. Doch weil die Realität etwas komplizierter ist, fragen wir einen, der es besser weiß.
Jan Hinrich Glahr ist Vorsitzender des BWE-Landesverbands Berlin/Brandenburg, Sprecher des LV BEE Berlin/Brandenburg und zuständig für Strategie und Politik bei Energiequelle GmbH, dem Unternehmen hinter der Energiewende in Feldheim. Von ihm erfahren wir bei einem Rundgang durch das Dorf die Erfolgsfaktoren von Feldheim und die Geschichte im Schnelldurchlauf. Und sie geht so:
- Vor über 20 Jahren kam ein junger Mann aus dem Ort auf die Idee, Windräder aufzustellen, um Windenergie zu erzeugen.
- Über die Jahre hinweg führte er zahlreiche Gespräche mit Vertreter*innen des Dorfes und erstellte gemeinsam mit ihnen ein Konzept.
- Am Ende konnte er alle überzeugen und das Projekt „Energieautarkes Feldheim“ nahm seinen Lauf.
Der junge Mann aus der Geschichte heißt Michael Raschemann, ist heute Inhaber und Geschäftsführer von Energiequelle und wohnt nach wie vor im Ort. Und damit sind wir schon bei der zweiten Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende vor Ort: Vertrauen gepaart mit einer treibenden Kraft.
Voraussetzung 2: Eine treibende Kraft
Als junger Student sah Raschemann damals das, was viele Menschen um ihn herum nicht wahrnahmen: eine Chance, das Örtchen, das nach der Wende mit diversen Problemen zu kämpfen hatte, mit kostenloser Energie zu versorgen. Die Flächen lagen brach und konnten ohne großen Aufwand für einen Windpark genutzt werden. Also trug er seine Vision den Dorfvertreter*innen und dem damaligen Bürgermeister vor und versuchte, sie für das Projekt zu gewinnen. Er besuchte Fachveranstaltungen, redete mit den Verantwortlichen von Kreis, Land und Bund, entwarf Finanzierungspläne und schlug am Ende eine eher ungewöhnliche Rechtsform der Beteiligung vor: die Kommanditgesellschaft. Die Bewohner*innen würden nicht nur indirekt vom günstigen Strom profitieren. Sie wären quasi Teil des Projekts und müssten im schlimmsten Fall bis zur Höhe ihrer Einlage haften. In dem Fall betrug die einmalige Einlage 3.000 Euro pro Haushalt.
Am Ende stimmten die Bewohner*innen und der Bürgermeister zu – und lösten damit die nächste Herausforderung aus. Denn der vor Ort produzierte Strom durfte nicht einfach so an die Gebäude geliefert werden. Es brauchte dafür ein Stromnetz. Raschemann und sein Team konnten aber keine Einigung mit dem örtlichen Netzbetreiber erzielen. Also gingen sie den nächsten, ungewöhnlichen Schritt: Sie bauten sich ein eigenes Stromnetz.
Allerdings: „Man kann nicht einfach ein neues Stromnetz parallel zu einem vorhandenen Netz bauen“, sagt Jan Hinrich Glahr und erzählt die Geschichte von Michael Raschemann weiter. Denn der Gesetzgeber schreibt vor, dass der Projektträger, sofern er die Aufgaben eines Energieversorgers übernehmen möchte, absolute Versorgungssicherheit gewährleisten muss. Das bedeutet konkret, dass neben dem Windpark noch weitere Energiequellen benötigt werden, damit die Bewohner*innen im Falle einer Windflaute nicht ohne Strom dastehen. Und so wurden neben den Windrädern noch ein kleiner Solarpark und ein Regelkraftwerk gebaut.
Schwein gehabt
Wie der Zufall es wollte, ging die Biogasanlage des ortsansässigen Schweinezüchters damals kaputt. Damit es die Schweine trotzdem warm haben, wurde beschlossen, die Anlage in das Gesamtkonzept zu integrieren. So entstanden am Ende nicht nur ein Stromnetz, sondern auch ein Nahwärmenetz, in das die modernisierte Biogasanlage ihre Wärme einspeist. An besonders kalten Tagen steht für den zusätzlichen Wärmebedarf zudem ein Holzhackschnitzel-Heizwerk zur Verfügung. Die Schweine – oder um genauer zu sein: ihre Nachfahren – sind noch immer da und haben es das ganze Jahr über mollig warm – genauso wie die Dorfbewohner*innen. Einer von ihnen ist Michael Raschemann.
Voraussetzung 3: Die Akzeptanz der Bürger*innen
Ohne seine Bewohner*innen wäre das energieautarke Feldheim nicht zu dem geworden, was es heute ist: ein Leuchtturm in Sachen kommunaler Energiewende. Ganz reibungslos lief es natürlich nicht. Die Vorteile liegen jedoch nach wie vor auf der Hand: Die Bewohner*innen zahlen im Durchschnitt 13 Cent pro Kilowattstunde Strom und 8 Cent pro Kilowattstunde Wärme. Zum Vergleich: Der bundesweite Strompreis betrug im Jahr 2024 im Schnitt 40,22 Cent pro Kilowattstunde, der Preis für Erdgas 14,7 Cent.
Und das ist noch nicht alles. Die Gewinne fließen direkt in das Zusammenleben im Dorf: sei es in die Ausrüstung der örtlichen Feuerwehr oder in die Beleuchtung der Sportanlage. Das stärkt den Zusammenhalt der Menschen und bildet das Rückgrat des gesamten Projekts.
Voraussetzung 4: Glückliche Zufälle
Rationalität und Emotionalität lassen sich oft nicht voneinander trennen. So war es auch in Feldheim. Die Menschen vor Ort haben sich nicht nur von den Fakten, wie den günstigen Energiepreisen, überzeugen lassen, sondern auch von der Tatsache, dass Michael Raschemann einer von ihnen ist. Er ist einer, den sie kennen und dem sie vertrauen. In anderen Kommunen müssen die Verantwortlichen meist sehr viel Überzeugungsarbeit leisten – oft erfolglos, wie Jan Hinrich Glahr berichtet.
„Viele sind von Anfang an dagegen: gegen Windräder, gegen Solaranlagen, gegen alles Neue“, sagt er. Zudem seien viele Verantwortliche gar nicht richtig darüber informiert, was technisch und rechtlich alles möglich sei, fügt Glahr hinzu und schaut ein wenig verzweifelt.
Auch die geografische Lage spielte Raschemann und seinem Team in die Hände. Brachliegende Flächen, die sich schnell umwidmen lassen, sind nicht überall vorhanden. Die Tatsache, dass sie ein eigenes Strom- und Wärmenetz bauen durften, ist ebenfalls äußerst selten.
Nicht zuletzt war der Mut der vielen Beteiligten das fehlende Puzzleteil, das die Erfolgsgeschichte von Feldheim möglich gemacht hat. Bezeichnend dafür ist die Aussage des damaligen Bürgermeisters: „Wir wissen zwar nicht, ob wir damit Erfolg haben werden. Aber wir machen es einfach.“
Zum Schluss gibt Jan Hinrich Glahr uns und anderen, die die Energiewende vorantreiben möchten, noch ein paar Tipps mit: „Das Konzept Feldheim ist zwar nicht eins zu eins auf andere Dörfer und Kommunen übertragbar. Aber es gibt schon heute sehr viele Möglichkeiten, sich umfassend zu informieren und Beratungsangebote anzunehmen.“ Und Mut, den brauche man sowieso immer.