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Die Kosten des Atomausstiegs

Was sind die wahren Kosten des Atomausstiegs? Von Dr. Hans-Jochen Luhmann, Projektleiter beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Dr. Hans-Jochen Luhmann

Dr. Hans-Jochen Luhmann, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Der vorgezogene Atomausstieg entwertet Vermögen. Das provoziert Kampfdiskussionen, nicht zu verwechseln mit dem viel beschworenen „öffentlichen Diskurs”.

Es gilt, Kronzeugen zu finden, die die Kosten des Atomausstiegs beziffern, und dann mit dem Zitat ihrer Äußerung die mediale Meinungsführerschaft zu erringen. Dabei gilt: Schnelligkeit ist oberstes Gebot. Wer als erster mit einer Zahl auf dem Markt ist, der hat die Nachzügler in die Defensive gezwungen.

Es werden Kampfformen ins Spiel gebracht, die nach den Regeln eines fairen öffentlichen Diskurses als Foulspiel zu gelten haben.

„Kosten des Atromausstiegs" ist kein neutraler Begriff

Wer sich nicht für dumm verkaufen lässt, dem fällt auf: Die zentrale Vokabel „Kosten des Atomausstiegs” bereits ist nicht neutral, sondern parteilich. Mit ihr wird (1) ein möglicher Gewinn aus dem kollektiven Ausstiegsunternehmen bestritten, mindestens ausgeblendet; über das Vorzeichen ist schon entschieden, bevor auch nur begonnen wurde, den Sachverhalt zu klären. Und (2) wird übergangen, die Frage zu qualifizieren hinsichtlich des Betroffenen: Kosten für wen? Für die Produzenten oder die Abnehmer von Strom?

Eröffnet wurde das Kampfspiel bereits am 16. März 2011, fünf Tage nach „3/11”. „Altmeiler-Stopp kostet Stromriesen eine halbe Milliarde Euro” lautete die Überschrift bei Spiegel online. Im Text hingegen ging es nicht um Kosten für die AKW-besitzenden Konzerne, sondern lediglich um Umsatzeinbußen für die jeweilige Tochtergesellschaft. Nun ist aber des einen Kraftwerks Einbuße an Umsatz des anderen Kraftwerks Zuwachs an Umsatz, da der in Deutschland abgesetzte Strom in unveränderter Höhe produziert wird.

3 Optionen in der Diskussion um die Kosten des Atomausstiegs

Die zweite Runde wurde eingeläutet, als nicht mehr lediglich nach den Kosten des dreimonatigen Moratoriums gefragt wurde, sondern nach den Kosten der Hauptsache, des Nettoeffekts von früherem Atomausstieg und als Ausgleich auch nach den Kosten des (früheren) Einstiegs in die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen – Letzteres für eine Übergangszeit durch Gaskraftwerke zum Lastausgleich unterstützt. Für Experten in Kampfdiskussionen liegen hier vier Optionen in Reichweite. Die einfachste ist, dem Laien mit überzogenen Zahlen ein X für ein U vorzumachen – die wird hier nicht behandelt. Bei zweien der restlichen Optionen geht es darum, die Tücken des Komparativs auszunutzen. Die dritte Option gibt erhöhte Kosten für einige Kraftwerksbetreiber mir nichts, dir nichts als höhere Strompreise für die privaten Haushalte aus.

Option 1: Mehrinvestitionen als Zusatzkosten ausgeben

Verschiedene erneuerbare Energien an einem Ort(c) iStock/visdia

Die erste Option ist, Mehrinvestitionen als Zusatzkosten auszugeben. Ersetzt werden sollen Kraftwerke, also Kapitalgüter, die unter Verwendung eines Energieträgers und also seinem Wert entsprechenden Betriebskosten eingesetzt werden. Stattdessen zum Zuge kommen sollen Kraftwerke, die ihre Energie aus Sonne und Wind direkt und kostenlos beziehen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Kosten fast vollständig mit der anfänglichen Investition anfallen, also Kapitalkosten darstellen. Brennstoff- oder laufende Kosten fallen bei ihnen nicht oder kaum an.

Der Unterschied ist dann: Im einen Falle, bei AKWs und fossil befeuerten Kraftwerken, wird in naher Zukunft weniger und über die Lebensdauer, in fernerer Zukunft also, mehr bezahlt. Im anderen Falle, bei der Erneuerbaren-Variante, gilt das Gegenteil: Da wird auf Dauer, in späterer Zukunft also, wesentlich weniger gezahlt – am Anfang, in naher Zukunft also, dafür mehr. Bei Kostengleichheit in Summe in beiden Fällen gleich viel. Bei einer solchen Struktur des Verhältnisses von Kapitaleinsatz und Betriebskosten bei dem Ersatzvorgang gilt: Wer erfolgreich darin ist, Mehrinvestitionen in den Medien als Zusatzkosten darzustellen, erweckt den Eindruck, der anstehende Wandel werde teurer als das Verharren im Status quo. Die Internationale Energie Agentur (IEA) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bedient sich dieser Option regelmäßig. Damit schürt sie in illegitimer Weise Vorbehalte.

Option 2: Laufzeitverkürzung gleich Umsatzeinbußen

Kraftwerk(c) Imaginis/Fotolia.com

Die zweite Option setzt bei der Verlängerung der Laufzeiten an. Die stellen den Vergleichsfall dar und werden so gewendet, dass eine möglichst große Differenz zum frühen Ausstieg entsteht – mit der Konsequenz: Je höher die Differenz, desto höher die angeblichen Kosten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beispielsweise hat bereits eine entsprechend angelegte Studie erstellen lassen. Das Rezept: Man nehme die Laufzeitverlängerung vom 13. Dezember 2010 so, wie sie in den Medien üblicherweise dargestellt wird. Danach hat der Gesetzgeber eine Verlängerung des Betriebs von bestehenden AKWs um weitere 196 Betriebsjahre dekretiert, zusätzlich zu den verbliebenen 67 Jahren, die noch nicht ausgeschöpft waren. Wirtschaftlich gesprochen: Er hat den AKW-Eigentümern einen Vermögenswert in Höhe von rund 115 Milliarden Euro hinübergeschoben. In Wahrheit aber hat er lediglich die Möglichkeit für einen so massiv ausgeweiteten Betriebsumfang eingeräumt.

Gänzlich offen ist, ob es den AKW-Eignern am Markt gelingen kann, aus der Möglichkeit klingende Münze zu machen; die Strommenge aus Erneuerbaren soll nach EU-Vorgaben schließlich stetig ansteigen, hat Vorrang in der Netzeinspeisung und die AKWs sind nicht gerade bestens darauf eingerichtet, die zeitliche Quecksilbrigkeit der Strombereitstellung aus Erneuerbaren mit ihrem Lastfolgebetrieb auszugleichen.

Zudem hatten die AKW-Betreiber noch einen Sicherheitscheck zu überstehen und müssen gegebenenfalls nachrüsten, in einem Umfang von bis zu 0,5 Milliarden Euro pro Kraftwerk. Ausgerechnet der Hüter der Marktwirtschaft, der BDI, leugnet also die Offenheit des Marktergebnisses, tut vielmehr so, als habe der Gesetzgeber einen festen Vermögenswert vergeben – und gibt dessen Verlust als Kosten aus.

Option 3: Gesamtkosten als Mehrkosten für den Verbraucher

Strommasten- und Leitungen(c) iStock.com/iliffd

Die dritte Option bietet die Chance zur Irreführung, selbst wenn der Spieler einem seriösen Kostenbegriff folgte. Als Kronzeuge sei hier die Deutsche Energie-Agentur (dena) herangezogen, mit ihrer Pressemeldung vom 18. April 2011. dena-Chef Kohler greift in die Rhetorik-Trickkiste, mit einer Doppelbotschaft in der Überschrift der Meldung: Werbung für den Atomausstieg („ ... kostet, aber lohnt sich”) und zugleich Anmahnung einer „ehrlichen Diskussion”; also das Muster von „Haltet den Dieb!”. Sein Beitrag zu der angemahnten „ehrlichen Diskussion” besteht in der Ankündigung einer Erhöhung des Strompreises um „4 bis 5 Cent pro Kilowattstunde” – was, wenn es wahr wäre, horrend wäre.

Quantitativ gesehen handelt es sich um eine Extremvariante, doch hier soll es nicht um Kritik der quantitativen Behauptungen, sondern um Muster gehen. Seriös an diesem Ansatz ist, dass die relevante Frage gestellt wird: die nach dem Effekt veränderter Erzeugungskosten auf die Strompreise (der Haushalte). Nicht seriös aber ist, dass der Strompreiseffekt errechnet wird, indem Kostenaufschläge auf sämtlichen Stufen der Produktion von Strom aufaddiert werden, nach dem Muster der Kostenaufschlagskalkulation. Das kommt beim Laien gut an, hat der doch vom Markt die ideale Vorstellung, er funktioniere dadurch in fairer Weise, dass er Kosten sämtlicher Produktionsstufen durchreicht bis zum Endabnehmer. Bis zur Liberalisierung der leitungsgebundenen Energieversorgung, also eines natürlichen Monopols, mag diese Vorstellung einer Preisbildung durch Summierung von Kosten angemessen gewesen sein, denn das sicher zu stellen war Aufgabe der Preisaufsicht, die damals noch existierte. Seit der Liberalisierung aber bilden sich (wesentliche Elemente der) Strompreise an Börsen, nach anderen Gesetzen (merit order). Nicht die durchschnittlichen Erzeugungskosten sämtlicher Kraftwerke entscheiden über den Strompreis, sondern die Brennstoffkosten des letzten noch für die Lastdeckung benötigten Kraftwerks. Als Faustregel darf gelten: Verdrängen Kraftwerke mit niedrigeren Betriebskosten solche mit höheren, dann sinken die durchschnittlichen Strompreise. Exakt dies aber ist die Struktur der anstehenden Substitution von Atomkraftwerken durch Erneuerbaren-Kraftwerke. Die Daumenrechnung der dena ist somit nicht nur unprofessionell, sondern lenkt zudem zur falschen Seite aus. Also auch hier die Diagnose: Foul im Kampfspiel.

Keine ehrliche Diskussion um die Kosten des Atomausstiegs

Es zeigt sich: Eine ehrliche Diskussion von Gewinn und Kosten beim vorgezogenen Ausstieg aus der Atomenergie hat mit den Frühstartern, deren Behauptungen die Medienlandschaft beherrschen, noch nicht begonnen. Meine persönliche Hoffnung ist, dass die Atomenergie-Ethikkommission zwischen Foulspiel und fairem Spiel zu unterscheiden vermag und damit einem ernstlichen Diskurs das Feld eröffnet.

Autorin: Karin Adolph

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