COP26 in Glasgow – historisches oder ernüchterndes Ereignis?

Boris Johnson stilisierte die COP26 im Vorfeld zu einem „Entscheidungsgipfel“ hoch. Antonio Guterres zeigte sich am Ende sehr ernüchtert. Jeff Bezos stellte schnell mal 2 Milliarden Dollar in Aussicht. Und der Konferenz-Leiter Alok Sharma kämpfte in letzter Minute mit den Tränen. Was sonst noch auf dem Weltklimakipfel passierte, hat Minh Duc Nguyen für Sie zusammengefasst. Erfahren Sie außerdem, was die Beschlüsse für Sie als Verbraucher*innen bedeuten.

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Die COP26 in Glasgow(c) BMU/Sascha Hilgers

Um das Klima zu retten, haben sich die Mächtigsten der Mächtigen die Mühe gemacht und sind mit 400 Privatjets nach Glasgow geflogen. Das ist kein Witz. Die Meldung dürfte bei einigen Menschen für Unmut gesorgt haben. Nicht zuletzt, weil viele der Meinung sind, dass ein Klimagipfel ohnehin nichts bringt. Das stimmt nicht! Im Artikel „5 Mythen zum Klimaschutzgipfel“ haben wir ein paar wichtige Meilensteine zusammengetragen, die genau in diesem Rahmen geschaffen wurden: der beschlossene Kohleausstieg Deutschlands beispielsweise oder der Weltklimavertrag von Paris – um ein paar Beispiele zu nennen.

COP26 war besser als COP25

Nicht nur numerisch war die COP26 ihrer Vorgängerin überlegen (26 > 25). Auch inhaltlich wurde in Glasgow deutlich mehr erreicht als damals bei der COP25 in Madrid, die aus Klimaschutzsicht eher enttäuschend war. Was genau, dazu gleich mehr. Davor erst einmal die wichtigsten Fakten zum 26. Weltklimagipfel:

197 Länder haben ihre Vertretungen nach Glasgow geschickt

Vertreter*innen aus fast 200 Ländern nahmen an der COP26 in Glasgow teil. Neben Politiker*innen und Botschafter*innen waren auch Teilnehmer*innen aus der Wirtschaft anwesend. Zu den bekanntesten von ihnen gehörte Amazon-Chef Jeff Bezos. Dieser erzählte, dass sich seine Sichtweise auf die Welt seit seinem Ausflug ins All stark verändert habe. Unter anderem sei er der Meinung, dass in vielen Teilen der Welt die Natur bereits dabei sei, von einer Kohlenstoffsenke zu einer Kohlenstoffquelle zu werden. Um dies zu verhindern, will er mit seiner gleichnamigen Stiftung 2 Milliarden Dollar für die Folgenbekämpfung durch den Klimawandel ausgeben. Insgesamt sollen es 10 Milliarden werden.

Svenja Schulze und Jochen Flasbarth auf der COP26(c) BMU/Sascha Hilgers

Geld, Geld, Geld

Über Geld wurde bei der COP26 natürlich viel diskutiert. Konkret wollten die reicheren Staaten den ärmeren jährlich 100 Milliarden zur Verfügung stellen, damit sich diese besser an die klimatischen Veränderungen anpassen können. Das war 2019. Auf dem diesjährigen Klimagipfel stellte sich aber heraus, dass die versprochene Summe noch immer nicht erreicht ist.

Um noch mehr Geld ging es beim Thema Verluste und Schäden durch klimabedingte Wetterextreme. Die ärmeren Länder fordern von den reicheren mehr Verantwortung für historisch verursachte Schäden und verlangen eine Art Finanzinstitution, also eine eigenständige Bank. Die wird es in der Form aber (noch) nicht geben. Denn lediglich Deutschland, Schottland und Wallonien haben bisher konkrete Gelder dafür zugesagt.

1,5 Grad, 1,8 Grad, 2,4 Grad – welches Ziel ist realistisch?

Das oberste Ziel der COP26 war nichts weniger als die Rettung der Welt. Um genauer zu sein, wollten die Staaten Maßnahmen definieren, mit denen es der Menschheit gelingt, die globale Erwärmung bei 1,5 Grad Celsius zu halten. Das ist aber gar nicht so leicht, wie diese Grafik zeigt:

  • Würden alle langfristigen Absichtserklärungen der Länder sofort umgesetzt, kämen wir bei einer höchst optimistischen Berechnung auf 1,8 Grad Celsius.
  • Würden die Staaten nichts machen und weiter die Umwelt belasten, kämen wir bei 2,7 bis 3,6 Grad Celsius raus.
  • Aktuell sieht es so aus, als würden wir auf eine globale Erwärmung von etwa 2,4 Grad Celsius zusteuern.

War die COP26 eine Nullnummer?

Den Pressestimmen nach war die COP26 nicht so enttäuschend wie die COP25. Zwar wurde die Rettung der Welt nicht angekündigt. Aber es wurden wichtige Beschlüsse gefasst:

  • Bekenntnis zum 1,5-Grad-Ziel und Minderung von Treibhausgasen. Am Ende der Weltklimakonferenz haben sich alle Teilnehmenden dazu bereit erklärt, Maßnahmen zu ergreifen, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen. Dazu sollen sie bis Ende 2022 ihre bislang unzureichenden Klimaschutzpläne nachschärfen. Dies bleibt aber freiwillig, es gibt keine Pflicht. 
  • Hilfen für arme Staaten und nach Klimaschäden. Für dieses Jahr haben die reicheren Länder ihr Versprechen, jährlich 100 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen, nicht halten können. Aber es gibt immerhin einen Fahrplan, wie sie in den kommenden Jahren das Geld zusammentragen können. Außerdem gibt es die Bereitschaft, einen Geldtopf für den Ausgleich bei Schäden und Verlusten einzurichten. Konkrete Summen dafür wurden bis auf einige Länder aber nicht genannt.
  • Das Pariser Regelwerk ist komplett. Sechs Jahre lang war das Regelbuch für das Pariser Abkommen unvollständig. Erst auf der COP26 wurden fehlende Teile zusammengetragen. Dabei geht es unter anderem um die Transparenz und Überprüfbarkeit von Klimaschutzmaßnahmen einzelner Länder sowie um Regeln für einen länderübergreifenden Kohlenstoffmarkt.
  • Aufruf zum Abschied von der Kohle. Zum ersten Mal gibt es ein Bekenntnis zum längerfristigen Ausstieg aus der Kohle und zum Abbau fossiler Subventionen. Das Bekenntnis wurde im Laufe der Konferenz allerdings Schritt für Schritt abgeschwächt. Am Ende ist aus dem Ausstieg ein schrittweiser Abbau geworden.

Was sagen Politiker*innen zu den Ergebnissen?

Der britische Premierminister Boris Johnson verglich die Mission der Delegierten der COP26 mit der von James Bond. Das sorgte nicht nur für Gelächter, sondern weckte auch Erwartungen. Am Ende der Konferenz war von James Bond keine Rede mehr.

Stattdessen hatte der Konferenz-Leiter Alok Sharma ganz schön mit den Tränen zu kämpfen, als sich kurz vor der Schlussabstimmung mehrere Staaten lautstark über die Verwässerungen des Bekenntnisses zum Kohleausstieg beschwerten. (Auf den letzten Metern hatten China und Indien mächtig Druck gemacht.)

Deutlich gefasster war die ehemalige Bundesumweltministerin Svenja Schulze, als sie den Deal mit den Worten „historisch“ beurteilte. Zwar hätte sie sich die Formulierung zur Kohle noch deutlicher gewünscht, aber wichtig sei, dass sie dringeblieben sei.

Unser zerbrechlicher Planet hängt am seidenen Faden.

In die gleiche Kerbe schlug auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres. Es sei ein wichtiger Schritt, aber nicht genug, ließ er verlauten. Jetzt sei es Zeit, in den Notfallmodus zu gehen. Abschließend wurde er noch deutlicher: „Unser zerbrechlicher Planet hängt am seidenen Faden.“

Wie schätzen Expert*innen die Ergebnisse ein?

Was bedeuten die Ergebnisse des Weltklimagipfels für Deutschland? Dazu haben wir Expert*innen aus den Bereichen Gebäudesektor, Forschung und Umwelt befragt.

In Sachen Klimaschutz haben wir keine Zeit zu verlieren. Glasgow braucht es, um sichtbare Zeichen des internationalen Commitments zu senden – in die Schlagzeilen, auf die Fernseher im Wohnzimmer. Klimaschutz war zwar während der Konferenz auf der Medienagenda, aber ich hätte mir mutigere Signale Deutschlands gemeinsam mit den „willigen“ Staaten gewünscht – gerade bei den Themen fossile Energieträger und Ausbau von erneuerbaren Energien“, sagte Tanja Loitz

Tanja Loitz(c) Tanja Loitz

Ihr Kollege Sebastian Metzger ergänzte sie mit den Worten: „Ein Entscheidungsgipfel war die COP26 zwar nicht, aber es wurden dennoch Fortschritte für den Klimaschutz erzielt“.

Ähnlich äußerte sich Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. Wortwörtlich sagte sie: „Der Klimapakt von Glasgow ist nicht der große Wurf, aber dennoch geht es in puncto Klimaschutz voran“.

Für Christoph Bals von Germanwatch heißt es nun handeln statt verhandeln: „Alle Industrieländer müssen bis 2030 aus der Kohle sowie bis etwa 2035 aus Öl und Gas aussteigen, die Schwellenländer bis 2040 aus Kohle und in den 40ern aus Öl und Gas. Deutschland und die EU sollen schon im nächsten Jahr darlegen, wie sie ihre 2030-Strategie so gestalten können, dass sie mit dem 1,5°C-Limit vereinbar ist. Dies kann durch zwischen 2023 und 2025 verschärfte Klima- und F-Gas-Ziele für 2030 in Kombination mit groß angelegten internationalen Klimapartnerschaften erreicht werden. Die Dekade der Umsetzung hat begonnen.“

Was bedeuten die Ergebnisse für Verbraucher*innen?

Beschlüsse auf Weltklimagipfeln haben in der Regel keinen direkten Effekt für Endverbraucher*innen. Im Falle Deutschlands mit der zu diesem Zeitpunkt bevorstehenden Koalitionsbildung war das Signal aber eindeutig: Um den Klimaschutz voranzutreiben, muss die neue Regierung noch mehr Tempo reinbringen. In puncto Kohleausstieg hat die Ampelkoalition in der Tat aufs Gas gedrückt und das Datum vorgezogen – von 2038 auf idealerweise 2030.

Wie geht es jetzt weiter?

Die nächste Klimakonferenz wird voraussichtlich vom 7. bis 18. November 2022 in der ägyptischen Stadt Sharm El-Sheikh stattfinden.

Autor: Jens Hakenes

Ansprechpartner für Stromkosten und Heizkosten

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