Was Sie über Legionellen wissen sollten - das Experteninterview

Legionellen gedeihen vor allem in warmem Wasser. Wenn sich die Bakterien vermehren, können enorme gesundheitliche Risiken entstehen. Der Diplom-Biologe Benedikt Schaefer erklärt unter anderem, was Legionellen überhaupt sind, welche Gefahren von ihnen ausgehen, bei welcher Temperatur sich Legionellen am ehesten vermehren und welche Möglichkeiten es gibt, ihnen vorzubeugen.

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Benedikt Schaefer, Diplom-Biologe

Was sind Legionellen und wie entstehen sie?

Legionellen sind Bakterien, die überall dort leben, wo es Wasser gibt. Im Küstenwasser genauso wie in der Badewanne. Grundsätzlich ist es so, dass das Trinkwasser, das aus dem Wasserwerk kommt, nicht steril, also nicht bakterienfrei sein muss. Das wäre auch nur mit einem enorm hohen Aufwand zu realisieren. Es enthält also Bakterien in einer sehr geringen, nicht gesundheitsgefährdenden Menge. Probleme entstehen erst dann, wenn sich diese Bakterien vermehren können. Dafür brauchen Legionellen zunächst einmal Nährstoffe. Das können Materialien in der Hausinstallation sein, Dichtungen aus bestimmten Kunststoffen zum Beispiel. Oder Stoffe, die aus technischen Gründen ins Wasser gegeben wurden, wie etwa Phosphat zur Enthärtung des Wassers.

Legionellen mögen Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad Celsius.

Außerdem ist für Legionellen Wärme besonders wichtig. Im Unterschied zu vielen anderen Bakterien mögen sie auch hohe Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad Celsius. Wenn solche geeigneten Wachstumsbedingungen herrschen, können sogar aus einzelnen Legionellen große Mengen Legionellen entstehen.

Wie lassen sich Legionellen im Trinkwasser nachweisen?

Im schlimmsten Fall dadurch, dass sich jemand eine Infektion geholt hat. Das wäre ein indirekter Nachweis. Ein solcher Nachweis ist auch über einen Urintest möglich, weil der Mensch Antikörper gegen Legionellen bildet. Auf direktem Wege lassen sich Legionellen durch die Entnahme einer Wasserprobe aus dem Trinkwassersystem nachweisen. Dabei werden die im Wasser enthaltenen Bakterien in einem Labor auf einem geeigneten Nährboden kultiviert, sodass man nach einiger Zeit die Kolonien zählen kann. Eine solche Probe kostet zwischen 35 und 80 Euro.

Ab welcher Größenordnung ist ein Legionellenbefall gesundheitsgefährdend?

Das ist von Person zu Person verschieden. Für jemanden, der gesund ist, sind wenige Legionellen kein Problem. Aber für jemanden, der gerade eine Chemotherapie hinter sich hat, kann das schon gefährlich sein. In der Trinkwasserverordnung ist deshalb eine Hilfsgröße festgelegt, ein sogenannter „technischer Maßnahmewert“. Dieser liegt bei 100 koloniebildenden Einheiten pro 100 Milliliter Wasser. Dieser Wert kann bei Einhaltung aller technischen Regeln ohne Probleme unterschritten werden. Anders gesagt: Wenn dieser Wert überschritten wird, ist das ein Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht stimmt und Maßnahmen ergriffen werden sollten.

Welche Maßnahmen sind das?

Zunächst muss die Anlage genau untersucht werden. Man nimmt noch mehr Proben und macht eine Gefährdungsanalyse um festzustellen, wo genau das Problem liegt und was dies für die Nutzer der Anlage bedeutet. Das ist in einem Krankenhaus natürlich anders als in einer Industrieanlage. Als Sofortmaßnahme werden in öffentlichen Einrichtungen manchmal zum Beispiel auch Duschverbote verhängt, damit niemand gefährdet wird.

Wie lässt sich einem Legionellenbefall vorbeugen?

Dazu hat der Gesetzgeber in der Trinkwasserverordnung verschiedene Vorschriften gemacht. Grundsätzlich wird dabei zwischen Großanlagen und Kleinanlagen unterschieden. Eine Großanlage ist eine Anlage mit einem Warmwasserspeicher von mehr als 400 Litern oder mit Leitungen, die mehr als drei Liter warmes Wasser enthalten. Durch die Komplexität einer solchen Anlage besteht erfahrungsgemäß eine höhere Legionellengefahr als bei Kleinanlagen. Nehmen Sie zum Beispiel ein Haus mit 120 Wohnungen. Da gibt es mit Sicherheit einige leerstehende Wohnungen, in denen kein Wasser fließt. In solchen Stagnationsbereichen können sich unter geeigneten Bedingungen verstärkt Legionellen entwickeln. Deshalb besteht bei Großanlagen die Vorschrift, am Speicherausgang immer eine Temperatur von mindestens 60 Grad Celsius und im gesamten Leitungssystem eine Temperatur von mindestens 55 Grad Celsius einzuhalten. Denn ab dieser Temperatur können sich Legionellen nicht mehr vermehren.

Die Trinkwasserverordnung verpflichtet Betreiber die Anlage auf Legionellen zu prüfen.

Außerdem ist der Betreiber einer solchen Anlage laut Trinkwasserverordnung verpflichtet, die Anlage alle drei Jahre auf Legionellenbefall zu prüfen. Je nach Größe müssen dafür zwischen drei und mehreren hundert Proben entnommen werden. Die Tests dürfen nur von Untersuchungsstellen durchgeführt werden, die von den Landesgesundheitsämtern gelistet sind. Dabei haben Vermieter die Pflicht, ihre Mieter zu informieren, sobald Legionellen über dem technischen Maßnahmewert gefunden worden sind.

Legionellen können zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen.  Die wichtigsten Fragen dazu beantwortet der Experte Benedikt Schäfer.(c) Jezper / Fotolia.com

Und was ist mit den Kleinanlagen?

Kleinanlagen gibt es meist in Ein- oder Zweifamilienhäusern. Das sind beispielsweise Anlagen mit einem 150 bis 200 Liter großen Warmwasserspeicher und Rohrleitungen bis zu zehn Metern Länge. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es in diesen Kleinanlagen äußerst selten zu einem Legionellenbefall kommt. Dennoch empfehlen wir auch hier, die Standards der Großanlagen zu beachten und die Mindesttemperatur einzuhalten. Bei mir zu Hause zum Beispiel steht der Regler deshalb auf 60 Grad Celsius.

Übrigens: Ein Punkt, der von Hausbesitzern manchmal vergessen wird, sind die Kaltwasserleitungen. Das kalte Wasser sollte nicht wärmer als 20 Grad Celsius sein. Aus dem Wasserwerk kommt es in der Regel deutlich kühler – aber wenn Kaltwasserleitungen zu lang oder zu dick sind und das Wasser längere Zeit in warmen Räumen steht, kann es zu warm werden. Das kann jeder selbst prüfen, in dem er am Waschbecken Kaltwasser über ein Thermometer laufen lässt. Wenn es zu warm ist, sollten die Kaltwasserleitungen isoliert werden. Damit das tatsächlich fachgerecht ausgeführt wird, empfehlen wir wie bei allen Arbeiten an der Trinkwasserinstallation, sich einen Installateur aus dem Verzeichnis des regionalen Wasserversorgers zu suchen.

Nochmal zur Temperatur: Würden nicht auch 55 Grad Celsius als Speichertemperatur ausreichen?

Bei Untersuchungen waren 55 Grad Celsius im Speicher nicht ausreichend, um eine Legionellenbelastung zu verhindern. In Wasserspeichern herrscht praktisch nie eine gleichmäßige Temperaturverteilung, sondern eine Temperaturschichtung. Deshalb müssen die 60 Grad Celsius auch nicht im gesamten Speicher eingehalten werden, sondern am Abgang der Trinkwasserleitung vom Speicher. Zusätzlich ist es vorgeschrieben, den gesamten Speicherinhalt einmal am Tag vollständig auf 60 Grad Celsius zu erwärmen. Aber noch einmal: Das alles sind Erfahrungswerte, die wir mit Großanlagen gemacht haben. Dort sind die 60 Grad Celsius im Speicher Vorschrift. Bei Kleinanlagen empfehlen wir, sich daran zu halten. 

Und was ist mit sogenannten „Legionellenschaltungen“?

Bei diesen Legionellenschaltungen wird der Warmwasservorrat periodisch – zum Beispiel einmal täglich – auf mehr als 60 Grad Celsius erhitzt. In den Zwischenzeiten kühlt das Wasser ab, manchmal auf Temperaturen unterhalb von 55 Grad Celsius. Aus unserer Sicht sind solche Anlagen nicht geeignet, das Legionellenwachstum effektiv zu kontrollieren.
Erlaubt ist, bei Großanlagen für maximal acht Stunden die Zirkulation abzuschalten. Diese Zirkulation ist eigentlich dafür notwendig, dass überall im Trinkwassersystem mindestens 55 Grad Celsius herrschen. Deshalb sehe ich diese Abschaltung auch kritisch. Im Grunde ist das nur zu verantworten, weil alle Großanlagen regelmäßig kontrolliert werden müssen. Wenn dann Legionellen festgestellt werden, kann die erste Maßnahme, die getroffen wird, sein, die Zirkulationspumpe dauerhaft zu betreiben.

Mit anderen Worten: Es ist gefährlich, die Temperatur im Warmwasserspeicher zu senken, um dadurch Energie zu sparen?

Ja, das ist es. Man sollte hier nicht Energie- und Kosteneffizienz gegen Hygiene ausspielen. Es gibt im Umgang mit Legionellen den alten Lehrsatz „Kaltes Wasser kalt halten, heißes Wasser heiß halten.“ Das ist unsere Empfehlung. Das lässt sich zum Beispiel dadurch besser erreichen, dass nur so viel Wasser zur Verfügung gestellt wird, wie auch tatsächlich benötigt wird; Stagnation in zu langen Leitungen mit zu großen Querschnitten führt zur Abkühlung von warmem Wasser und zur Erwärmung von kaltem Wasser. Wer Energie sparen will, kann zum Beispiel bei einer Kleinanlage in einem Ein- und Zweifamilienhäusern auf eine Zirkulationsleitung verzichten – und den Strom für die Pumpe sparen. Außerdem lassen sich regenerative Energiequellen wie Solarenergie oder Wärmepumpen zur Vorerwärmung des Wassers nutzen. Energieeinsparung und hygienische Sicherheit müssen also auch im Bereich Warmwasser kein Widerspruch sein.

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