Aktuelle Information
Der Kassenbon als Stimmzettel
Die vielzitierte Macht der Konsumenten sitzt in Haßloch in der Pfalz. Die Gemeinde ist ein Testmarkt der Gesellschaft für Konsumforschung. Etliche neue Produkte, die der Haßlocher kauft, landen später bundesweit in den Regalen der Geschäfte.
Kritik am Geschmack des Haßlochers wäre ungerecht, denn sein Kaufverhalten ist repräsentativ für ganz Deutschland. Doch auch der Nichthaßlocher trifft täglich Konsumentscheidungen, die jede Scannerkasse des Einzelhandels und damit der Einzelhändler selbst zur Kenntnis nimmt. Was die Kundschaft kauft, landet auch weiterhin in den Regalen und wird weiterhin produziert. Jeder Kauf ist daher wie das Kreuz auf dem Stimmzettel: Was gewünscht wird, wird gewählt, unerwünschtes nicht.
Für die Klimabilanz des Einzelhandels ist die Summe dieser alltäglichen Entscheidungen relevant. Denn die Verantwortung, wie und welche Waren hergestellt und benutzt werden, liegt beim Endverbraucher wie beim Händler und Hersteller. Hinter den meisten Produkten stecken ein nicht unerheblicher Energieaufwand und häufig auch eine mehr oder weniger große Belastung für die Umwelt. Klimageräte, Tiefkühlpizzen, Glühbirnen und vieles mehr verbrauchen zudem während des "Gebrauchs" Energie. Die Pizza etwa benötigt Strom für Eisfach und Ofen.
Wichtige Wahlhelfer
Der Einzelhändler reicht quasi die Wünsche der Kunden an die Hersteller weiter. Daher ist für jeden Konsumenten die Wahl eines umweltverträglicheren Produktes das einfachste und wichtigste Mittel, um die Umweltbelastung des Einzelhandels zu beeinflussen. So motiviert er den Händler, nachhaltigere Produkte anzubieten. Einfache Entscheidungshilfen für zumindest mehr Nachhaltigkeit bieten der Blaue Engel, die Mehrweg- und die Energieeffizienzkennzeichnung sowie die Bio-, Neuland-, Fairtrade-, MSC- und FSC-Label. Daneben sind pflanzliche anstelle von tierischen Produkten, regionale und saisonale sowie wenig verarbeitete und verpackte Waren in aller Regel weniger belastend für Klima und Umwelt. Für einige Produkte gibt es Listen mit ökologisch empfehlenswerten Angeboten wie die Auto-Umweltliste des VCD oder Eco Top Ten des Öko-Instituts.
Wer daran zweifelt, ob die Kaufentscheidungen eines Einzelnen überhaupt Wirkung zeigen, möge sich überlegen, ob er nicht völlig ungeachtet der direkten Wirkung zu Wahlen geht und dies richtig und wichtig findet. Darüber hinaus kann das eigene Kaufverhalten wiederum das soziale Umfeld beeinflussen und so Trends befördern. Man denke an die Vertreibung von Eiern aus Käfighaltung aus den Supermärkten oder den Boom von Biolebensmitteln. Wem das als Motivation noch nicht reicht, stehen die sozialen Netzwerke des Web 2.0 offen.
Die Kundschaft macht sich kundig
Gerade das Internet macht strategischen Konsum erst richtig möglich. Dieses Schlagwort hat sich die Gesellschaftsgruppe der LOHAS (Lifestyle of health and sustainability) auf die Fahnen geschrieben. Als konsumfreudige, aber kritische Konsumenten legen sie Wert auf nachhaltige Produkte und nutzen Communities im Internet wie Utopia.de, um sich gezielt über Waren und deren Schaden oder Nutzen für die Umwelt zu informieren und auszutauschen.
Verkäufer, so es sie denn noch gibt, sind meist befangen oder überfragt, wenn es um Informationen zur Nachhaltigkeit von Produkten geht. Herstellerangaben darüber sind selten, irreführend oder geschönt. Mit der kostenlosen Handy-Anwendung Barcoo, prämiert mit dem Clean Tech Media Award 2010, kann der Kunde direkt im Geschäft unabhängige Umweltinformationen zum Produkt oder Hersteller bekommen. Anhand des mit dem Foto-Handy gescannten Produkt-Barcodes stehen dem Konsumenten die gewünschten Informationen aus eine ständig wachsenden Datenbank sofort zur Verfügung.
Nachhaltigkeit ist inzwischen ein wichtiges Kauf- und Verkaufsargument für eine wirtschaftlich bedeutsame Zielgruppe geworden. Der Anspruch, ökologisch verträglicher zu leben, ist gerade bei gut ausgebildeten, einkommenskräftigeren und jüngeren Menschen verbreitet. Das zeigt sich nicht zuletzt am Zuwachs und Erfolg ökologisch orientierter Geldanlagen. Hier nimmt der Anleger zwar nur indirekt Einfluss auf die Herstellung und Verbreitung von Waren und damit auf das Angebot des Einzelhandels. Bei einer einzelnen Anlageentscheidung wird gewöhnlich aber weitaus mehr Geld bewegt als beim täglichen Einkauf.
Organisierter Kaufrausch
Ganz direkten Einfluss auf das Umweltverhalten von Einzelhändlern nehmen so genannte Carrotmobs. Derjenige Ladenbesitzer, der den höchsten Anteil seines Umsatzes in einem verabredeten Zeitraum für Klimaschutzmaßnahmen in seinem Geschäft zusichert, erhält den Zuschlag. Üblicherweise bekommt der bei dieser Art von Auktion ausgewählte Händler zunächst eine Energieeffizienzberatung, die ihn etwa über ineffiziente Beleuchtung oder Alternativen zu offenen Kühltheken aufklärt. Günstigerweise vergibt die KfW-Bank für eine derartige Beratung von Freiberuflern sowie von kleinen und mittleren Unternehmen eine staatliche Förderung von bis zu 80 Prozent. Dann mobilisieren die Carrotmob-Initiatoren über diverse Social Media-Kanäle wie Twitter und Facebook die Kundschaft, die sich zum angekündigten Zeitraum als Carrotmob zum Kaufen im ausgewählten Geschäft trifft. Die Geschäfte machen damit nicht nur Werbung für sich und erweitern womöglich ihren Kundenkreis, sondern sie sparen künftig auch womöglich erheblich Energiekosten. Daher investierten bereits einige Läden großzügig 100 Prozent und mehr des erzielten Umsatzes in den Klimaschutz.
Die globale Bewegung der Carrotmobs begann 2008, wieder einmal in San Francisco. Seither findet sie zunehmend Nachahmer. In Deutschland gab es bereits mehr als ein Dutzend dieser Konsum-Happenings von München bis Kiel. Die Organisation eines Carrotmobs steht jedem offen. Vielleicht ist ja demnächst sogar Haßloch in der Pfalz dabei.
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Andreas Grabolle








