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Effiziente Technik braucht effiziente Kommunikation

Der Klimaschutz im Gebäudebestand kommt in Deutschland nicht so recht vom Fleck. Seit Jahren stagniert die „Modernisierungsquote“ bei Altbauten auf einem Niveau von etwa 2 Prozent pro Jahr.

Quelle: flickr.com / (c) velo steve 2006

Beim heutigen Tempo würde es also 50 Jahre dauern, bis im statistischen Mittel alle Bestandsgebäude eine umfassende wärmetechnische Modernisierung erhalten haben.

Zudem liegt das Tempo der Verbrauchs- und Emissionsminderung bei Raumwärme – auf den m² Wohnfläche bezogen – bei 1 Prozent p.a., gleichzeitig findet eine stetige Vermehrung der beheizten Flächen statt, die diese bescheidenen Erfolge für den Klimaschutz aufzehrt.

Sichtbarer Ausdruck der für den Klimaschutz bedenklichen Stagnation bei der wärmetechnischen Modernisierung sind etwa 750.000 Heizanlagen, die heute noch in Betrieb sind, obwohl sie vor dem 1. Oktober 1978 in Betrieb genommen wurden und ihr Betrieb damit gegen die Vorschriften der EnEV 2007 § 10 Ziffer 1 verstößt.  Ihr Betrieb verursacht einen Mehrverbrauch an Heizenergie von 8 TWh und damit verbunden vermeidbare CO2-Emissionen in Höhe von 2 Mio. t pro Jahr. Der Austausch einer solchen Heizanlage gegen eine moderne Brennwertheizung macht sich in spätestens 5 Jahren bezahlt.

Hinzu kommen 20 Mio. Heizungspumpen, deren Stromverbrauch das heute mögliche Niveau von 0,5 kWh/m² und Jahr um den Faktor 4-6 überschreiten und dadurch einen Mehrverbrauch an Strom in Höhe von 3 TWh verursachen – verbunden mit einer unnötig hohen CO2-Emission von ebenfalls 2 Mio. t pro Jahr. Der vorzeitige Austausch einer alten Heizungspumpe macht sich in der Regel schon nach 3-4 Jahren bezahlt. 

Die Mehrzahl dieser Pumpen liegt im Widerstreit mit etwa 100 Mio. Thermostatventilen in 20 Mio. Wohnungen, die mittlerweile älter als 20 Jahre sind, die ihre Fähigkeit der temperaturabhängigen Steuerung des Warmwasserdurchflusses weitgehend eingebüsst haben. Hierdurch wird ein Mehrverbrauch an Heizenergie in Höhe von 10 Prozent und mehr verursacht, das entspricht einer vermeidbaren Emission von etwa 5 Mio. t CO2 pro Jahr. 
Hinzu kommt, dass auch heute noch nur jedes dritte Gebäude, das wegen einer Fassadensanierung eingerüstet wird, auch eine Fassadendämmung erhält  - einer der wichtigsten Ursachen für die Stagnation des Heizwärmeverbrauchs auf hohem Niveau.

Nicht minder bedenklich ist, dass im Jahr 2007 trotz steigender Energiepreise  die Nachfrage nach moderner Heiztechnik gegenüber dem Vorjahr um etwa 25 Prozent zurück  zurückging – obwohl die Energiepreise weiter anzogen und der Austausch der Heizanlage zu den kostengünstigsten Maßnahmen zählt, um diese Entwicklung zu unterlaufen.

Restriktionen für die wärmetechnische Gebäudesanierung

Die deutsche Heizungswirtschaft ist mehrheitlich in einer Struktur gefangen, die Erfolge bei der Durchsetzung effizienter Heiztechnik erschwert: Das dreistufige Vertriebssystem von Hersteller, Handel und Handwerk verhindert, dass die Botschaften der Hersteller über die Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit effizienter Gebäudetechnik ihre Adressaten – die Hausbesitzer – erreichen. Ein aktives Marketing im Sinne eines „auf den Endkunden Zugehen“ kann unter diesen Rahmenbedingungen kaum stattfinden. Anders als bei der Automobilindustrie mit ihren straff organisierten Ketten von Handelshäusern und Servicewerkstätten stehen bei der Gebäudetechnik etwa 20 Systemanbietern von wärmetechnischer Gebäudeausrüstung 300.000 Handwerksbetriebe mit 2,5 Mio. Beschäftigten gegenüber, die das Heer der Eigentümer von 17 Mio. Wohngebäuden in Deutschland nur unzulänglich ansprechen und über die Chancen effizienter Heiz- und Dämmtechnik informieren.

Hinzu kommt, dass sich eine intensive Beratung von Endverbrauchern über effiziente Heiztechnik für das Handwerk oft nicht lohnt – vor allem, wenn es um die erheblichen Einsparpotenziale bei den „kleinen Investitionen“ geht,  so zum Beispiel bei der Erneuerung von überdimensionierten Heizungspumpen oder von alten Thermostatventilen. Hier sind – auf ganz Deutschland bezogen – die Einsparpotenziale erheblich, doch werden sie aber kaum ausgeschöpft, weil die Beratungs- und Vertriebskostenkosten im Einzelfall zu hoch sind.  Kein Handwerksbetrieb kann es sich angesichts des Kosten- und Zeitdrucks, unter dem er steht, leisten, Hausbesitzer 1-2 Stunden zu beraten, um die Vorteile einer umweltfreundlichen aber teueren Umwälzpumpe – im Vergleich mit einem Standard-Produkte - zu begründen. Er läuft dabei auch Gefahr, dass er den Kunden verliert, wenn dieser das Angebot mit den Kosten der weniger umweltfreundlichen Billigware im Baumarkt vergleicht oder wenn sich ein Konkurrent weniger für den Klimaschutz  und niedrige Betriebskosten engagiert – und stattdessen ein Billigprodukt anbietet.

Insgesamt bedeutet Klimaschutz im Gebäudebestand für Handwerk wie Endverbraucher einen Paradigmenwechsel: Beschränkte sich die handwerkliche Tätigkeit „früher“ auf den Neubau und die Reparatur von schadhaften Bauteilen und den Austausch von Heizkesseln, so kommt es heute darauf an, den Hausbesitzer als Auftraggeber für Maßnahmen zu gewinnen, die

  1.  „vor der Zeit“ zu ergreifen sind, weil der technische Fortschritt bei Wärmeschutz und Wärmeerzeugung dazu geführt hat, dass die Nutzung alter aber noch intakter Technik unwirtschaftlich und – in Relation zur verfügbaren Besttechnik - umweltschädlich geworden ist.
  2. teuerer sind als die bloße Ersatzbeschaffung, weil hocheffiziente Technik zunächst einmal mehr kostet, selbst wenn sich die Zusatzkosten in kurzer Zeit dank ersparten Energiekosten bezahlt machen.
  3. zunehmend komplex und in ihren wirtschaftlichen und ökologischen Konsequenzen im Einzelfall schwer zu durchschauen sind. Denn die enorme Steigerung der Energieeffizienz bei Wärmeschutz und Wärmeerzeugung hat gleichzeitig zu einer Explosion der technischen Möglichkeiten – und damit auch der Möglichkeiten für eine Fehlentscheidung – geführt. Ging es früher im Wesentlichen um die Entscheidung für eine neue Öl- oder Gasheizung oder den Umstieg von Heizöl auf Erdgas, so konkurrieren heute – einschließlich der Variante Passivhaus – 5 bis 7 Basis-Konfigurationen bei der Heiztechnik miteinander, deren Zahl durch die Möglichkeit der internen anlagentechnischen Differenzierung und durch deren Kombination mit Solarthermie noch potenziert werden.

In Deutschland stehen – im Vergleich zu anderen europäischen Ländern -  in großem Umfang Fördermittel für die wärmetechnische Modernisierung von Wohngebäuden zur Verfügung.

In ihrem Bemühen, die Effizienz der Mittelverwendung zu optimieren, haben die Verantwortlichen jedoch übersehen, dass die hierdurch bedingte Komplizierung der Antragsverfahren die Akzeptanz der öffentlichen Förderung einschränkt. Hinzu kommt, dass die Förderung in Form von zinsverbilligten Darlehen, welche die Darlehensnehmer für einen für sie oft nicht überschaubaren Zeitraum von 20 Jahren zu Tilgungszahlungen verpflichten, für die Mehrzahl der Deutschen eine ernst zu nehmende psychologische Hürde darstellt.

Bescheidener Beitrag oder Richtungsweisender Lösungsansatz?

Das Gelingen von Klimaschutz im Gebäudebestand hängt natürlich vor allem davon ab, ob die Deutschen aus ihrer subjektiven Sicht auch Handlungsbedarf sehen. Hier zeigt sich, dass trotz der erheblichen Aufklärungsarbeit, die Politik und Medien in den letzten Jahren beim Energieverbrauch von Gebäuden geleistet haben, das Wissen der Deutschen über ihren eigenen Energieverbrauch und die Möglichkeit zum Energiesparen in den eigenen vier Wänden noch extrem unterentwickelt sind. Symptomatisch hierfür dürfte das Ergebnis einer Umfrage von co2online aus dem Jahr 2007 sein, die gezeigt hat, dass nur 8 Prozent (statt der rechnerischen 50 Prozent) der Deutschen ihren eigenen Energieverbrauch für überdurchschnittlich halten.

Das Tempo der wärmetechnischen Modernisierung des Gebäudebestands könnte also weit höher sein. Gebremst wird diese Entwicklung offensichtlich nicht durch den Mangel an Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen oder durch den Mangel an technischen Möglichkeiten sondern durch einen Mangel an zielführender Kommunikation zwischen Herstellern, Händlern und Handwerkern auf der einen Seite und Hausbesitzern auf der anderen. Ein Mangel an Kommunikation, die

  1. dem einzelnen ein fundiertes Wissen über seinen eigenen Energieverbrauch vermittelt,
  2. ihm klar macht, welche technischen uns wirtschaftlichen Einsparpotenziale in seinem Haus enthalten sind,
  3. ihm die Förderangebote durch die öffentliche Hand in einer für Laien verständlichen Sprache erläutert,
  4. ihn produkt-, maßnahme- und energieträgerneutral informiert und
  5. ihn dafür gewinnt, durch die Kontaktaufnahme mit Energieberatern und Handwerkern vor Ort den ersten Schritt in Richtung wärmetechnische Modernisierung zu tun.

Die von co2online im Rahmen der vom BMU geförderten Klimaschutzkampagne angebotene Online-Energieberatung und die als „Kommunale Heizspiegel“ angebotene Beratung für Mieter und WEG-Eigentümer mit ihren schriftlichen Heizspiegel-Gutachten wollen hier einen Beitrag zur Lösung der genannten Probleme leisten.

Für das Team von co2online grüßt Sie Ihr

Dr. Johannes D. Hengstenberg

P.S. Der vorliegende Beitrag ist die gekürzte Ausgabe eines Aufsatzes für das Jahrbuch 2008 „Energieeffizienz in Gebäuden“, erschienen beim Verlag und Medienservice Energie in Berlin, 2008.